Siriusmo - Enthusiast15. June 2013Leiernd schräge Sounds eröffnen das Stück „Tränen aus Bier“. Kurz darauf haut einem der Berliner Künstler Siriusmo knackig fette Bässe um die Ohren. Verschrobene Klänge und kräftige Bässe begegnen dem Hörer häufig auf dessen zweitem Album „Enthusiast“. „Tränen aus Bier“ könnte auch aus dem Rechner Hudson Mohawkes stammen. Das darauf folgende Stück „Enthusiast“ schlägt in eine ähnliche Kerbe. Interessante Beats vereinen sich mit verspielten Synthiemelodien und immer wieder blitzt eine sanfte Melancholie durch die Klanggebilde, wie sie auch auf diversen Warp-Veröffentlichungen zu finden sind. Doch das Album „Enthusiast“ verfolgt keine stringent einheitliche Marschrichtung. Siriusmo legt wie bei „Cornerboy“ lässige Vocals über ein funky UK-Bass-Gerüst, präsentiert mit Stingky Wig“ ein groovig verspieltes House-Brett und pflegt im nächsten Stück entspannten instrumentalen HipHop. „Enthusiast“ ist also sicherlich kein geschlossen wirkendes Autoren-Album, sondern eher eine lose Abfolge toller Soundspielereien. Moritz Friedrich aka Siriusmo beweist auf den 13 Stücken seines neuen Albums, dass er alle mögliche elektronischen Spielarten beherrscht. Er versteht es tolle Melodien in Szene zu setzen und seine Sounds dabei möglichst crisp klingen zu lassen. Die Bässe rollen immer wieder mächtig durch die Gegend und selbst Humor kommt nicht zu kurz („Wattislosmitmir“). „Enthusiast“ präsentiert zudem ein Feuerwerk an Rhythmen und knallig bunter Sounds, womit der Berliner Produzent auf dem Monkeytown Label bestens aufgehoben ist. Fazit: Wer mit wildem Genre-Gehopse klar kommt, dem erwartet hier ein kurzweiliges Album. www.monkeytownrecords.com Hooded Fang - Gravez13. June 2013 / Kategorie: TonträgerAuf dem letztjährigen Album Tosta Mista waren Hooded Fang so etwas wie Best Coast für gemäßigte Klimazonen – Mare Balticum statt California, aber dennoch allerschönst klirrender PsychoSurfPop as PsychoSurfPop can aus Toronto, der auf 23 Minuten ein paar Höhepunkte zwischen die Garagen-Standards fegte. Gravez, pünktlich zum Sommer erschienen, knackt nun knapp die 30-Minuten-Marke. Etwa, weil Hooded Fang Energiehaushalt gelernt haben!? Nicht, dass der Sound der Band je sonderlich atemlos war – glühende Leidenschaft wurde immer bloß laid back behauptet, sehr sympathisch. Nein, eher ist hier das Gegenteil der Fall: Man spürt das Bemühen, dass es hier um echte Verausgabung gehen soll, aber die Musik strampelt sich ab, ohne wirklich voran zu kommen. Ob das Hooded Fang ermüdet, wer weiß, das Publikum ermüdet aber auf jeden Fall. Dass, auch hier im Gegensatz zum Vorgänger, keine einzige Melodie im Ohr bleibt, dass die Hooks nicht zünden, tut sein’s natürlich auch dazu, dass Gravez, Fazit, ein enttäuschendes drittes Album einer talentierten, sympathischen Band ist. "Hooded Fang - Gravez" vollständig lesen CocoRosie, Übel&Gefährlich Hamburg27. May 2013 / Kategorie: Events
Sie fangen spät an. Einlass war um 7, jetzt ist es kurz nach neun. Gerade möchte ich ein Bild von der leeren Bühne instagrammen, da geht es los. Bianca Cassidy mit einem Tannenbaum aus LEDs auf dem Kopf, Leinwände auf der Bühne und überall im Saal, die vier Kamerabilder projizieren, mit Farbfehlern so dass sie manchmal anmuten als seien es Comics. Schrill beginnen die Katzenstimmen der beiden Schwestern mit Child Bride. Voll ist es im Übel&Gefährlich und das trotz Championsleague-Finale und parallel stattfindendem Elbjazz-Festival. Die Band spielt das halbe neue Album. Oder das ganze. Child Bride, End of Time, Harmless Monster, Tears for Animals, After the Afterlife, Gravediggers. Dazwischen wandelt sich Bianca fast zu jedem Song, legt den Tannenbaum ab, kommt mit UV-Schminke auf die Bühne, mal hüpft sie wild in weißem Ballerina-Rüschenkleid herum, mal break-tanzt sie, mal dreht sie sich in Schwarz und neongrünem Saum. Die Gesichtsfarben wandeln sich von Pink zu Gelb zu Pink zurück. Sie haben spass am verkleiden, niemals wirkt es wie eine eigene Showeinlage, weitab von einer Madonna, die sich gar Umzugspausen gönnt. Hier ist alles im fliegenden Wechsel. Immer wieder verlassen Bandmitglieder die Bühne, wechseln die Instrumente. Schließlich wird es dunkel und ein Mensch tritt in den Vordergrund, der bisher eher abseits stand. Und Beatboxt. Erst darauf wird mir klar, dass alles, was vermeintlich aus einer kleinen Kiste irgendwo kam, in Wahrheit durch den Mund dieses Menschen geschaffen wurde. CocoRosie haben tatsächlich für all ihre Schlagwerk-Einlagen mit Tez einen Beatboxer engagiert. "Wie Großartig!" möchte ich aufschreien. Klatsche aber nur und finde es toll. Eigentlich ist alles toll an diesem Abend. Die Laune, die Musik, die beiden Schwestern, die schier platzen vor Liebe zu ihrem Publikum. Eine Version von "After the Afterlife" mit Piccolo-Querflöte, Harfenklänge, ein Piano das mehrfach zum Einsatz kommt.
Als Zugabe dann "Werewolf" in einer beeindruckend schönen Mischung aus Klavier, Beatbox und leicht veränderter Gesangslinie, ich bin nicht nur begeistert, ich bin euphorisch. Auch über das Ende des Konzerts, denn da wird gefeiert. Man tanzt zu "Teen Angel" immer schneller, im Hintergrund der immer schneller werdende Leierkasten eines Jahrmarktbesuches den wir in unserer Kindheit verorten, der aber eher in derer unserer Großeltern war. Dann werden Fans auf die Bühne geholt, Küsse ins Publikum verteilt, Ende. Warum es auf der Setlist noch zwei weitere Songs gibt, wir wissen es nicht. Fehlen "God has a Voice" und "Beautiful Boyz". Nächstes mal dann. Und "Lemonade", bitte. P.S: Ja, Tez Beatboxt schon seit Jahren. War aber mein erstes CocoRosie-Konzert. Seht ihr mal. Daft Punk - Random Access Memories25. May 2013 / Kategorie: Tonträgerwww.daftpunk.com CocoRosie - Tales Of A Grass Widow19. May 2013 / Kategorie: Tonträgercityslang.com/cocorosie/ ReBeat II: Mac DeMarco, Sean Nicholas Savage, Jonathan Meese, Wirren des theoretischen Denkens17. May 2013 / Kategorie: oder so
Groß angekündigt das letzte Mal: Jede Woche, neue Motivation, blabla - dann ging echoes leider offline, meine Texte woandershin, wo sie auch mal jemand liest (vielleicht), und die (tolle, finde ich nach wie vor) ReBeat-Idee erstmal zurück in jenes weißen Äther, aus dem der liebe Gott die kleinen Kinder herauszieht. Weil es aber zu schade drum wäre: Nun, zweite Auflage. Vor allem von Konzerten ist zu erzählen, diesmal.
"ReBeat II: Mac DeMarco, Sean Nicholas Savage, Jonathan Meese, Wirren des theoretischen Denkens" vollständig lesen Born Ruffians - Birthmarks7. May 2013 / Kategorie: TonträgerDie Born Ruffians waren schon 2008 eher der kleine Außenseiter in der Neue-Wege-Indie-Troika, die sie mit den parallel debütierenden Vampire Weekend und den Foals bildeten. Red, Yellow & Blue hieß ihr Beitrag zum damaligen Sound des euphorisch-nervösen, immer afrophilen Zuckens, ein Album, das mich damals zugegebenermaßen eher kalt ließ – ganz anders als der Nachfolger Say It, zumeist positiv beschieden und folgenlos durchgewunken, mir aber nach wie vor eines der liebsten Alben des Jahres 2010. Fünf Jahre nach ihren Debüts haben Vampire Weekend ihren Jahrzehnts-Blueprint-Song längst geschrieben (Diplomat's Son), die Foals sich für geschmackvollere Massen enthysterisiert und die Born Ruffians sich endgültig ihrem Schicksal gebeugt, in der zweiten Reihe zu spielen. Birthmarks, Album Nummer drei, ist der Versuch, den eigenen Stil zu zähmen, Songs zu liefern statt bloße Ideen von Songs, die der Hörer sich dann, beinahe im Sinne des Barthes-schen Lesers, quasi selbst schreiben muss. Und es sind sind natürlich durchaus gute Songs. Manche klingen, passend, wie Vampire Weekend, manche wie Phoenix, nicht die schlechtesten Referenzen. Manche gehen nicht nur ins Ohr, sondern bleiben auch ihre Weile dort. Say It hingegen bestand aus Skizzen, die durch nichts zusammengehalten wurden denn durch eine beinahe übermenschliche Kraftanstrengung, durch den Willen, sie irgendwie zusammenzuhalten, wo ihre Elemente doch wie sich abstoßende Pole auseinanderstieben. Nicht immer hat das funktioniert, aber es war genau diese Energie, Explosion fatal kombinierter Stoffe, Energie des hoffnungslosens Dagegenhaltens, die diese Band so besonders machte. Und die nun beinahe verschwunden ist. There's a place in my mind's bookshelf / For the song I'll never sing / It goes "woohooh, wooohooh", hieß es im Stück Nova Leigh. Schade, dass die (aber ja doch: angenehmen, vielseitigen, schönen) Songs, die die Born Ruffians nun wirklich singen, diese wortlos jubilierende Begeisterung nicht mehr verströmen. "Born Ruffians - Birthmarks" vollständig lesen We Are Modeselektor21. April 2013 / Kategorie: Tonträger Techno ist ja ein Musikgenre, welches oftmals recht anonym wirkt. Gewiss kann eine Technoplatte ähnlich starke Emotionen wie eine aus dem Rock- oder Popbereich auslösen, doch schwingt bei ihr häufig eine gewisse geheimnisvolle Aura mit. Durch den weitgehenden Verzicht auf den „klassischen“ Gesang mit Strophe/Refrain verschiebt sich der Wahrnehmungs-Fokus des Hörers fast zwangsläufig auf andere Ebenen – Stimmungen und Atmosphären gewinnen an Bedeutung. Mit dem Verschwinden der Stimme tauchen interessanterweise meistens auch die Macher der Musik in diffuses Licht ab. Künstler wie Burial oder Daft Punk spielen mit diesem Aspekt. Der eine versteckt seine ganze Identität, die anderen ihre Gesichter hinter Masken. Modeselektor sind solche Künstler nicht. Sie tauchen weder ab, noch sind ihre Alben ausgesprochen instrumental angelegt. Und dennoch bleibt ein Projekt wie Modeselektor noch immer gesichtsloser oder geheimnisvoller als die Präsenz der meisten Rock- und Pop-Bands. Mit der jetzt erscheinenden Dokumentation „We Are Modeselektor“ stellt sich aber einmal die Technomusiker selbst in den Vordergrund. In 72 Minuten wirft das Filmemacher-Duo Romi Agel und Holger Wick einen ausführlichen Blick auf das Musiker-Duo Gernot Bronsert und Sebastian Szary. Die beiden sympathischen Techno-Begeisterten werden in zahlreichen Interviews kurzweilig vorgestellt. Da die beiden auch Plattenbosse sind, ist „We Are Modeselektor“ auch ein Porträt ihrer beiden Labels Monkeytown Records und 50Weapons. Der Film lässt aber nicht nur Modeselektor selbst mit interessanten Anekdoten zu Wort kommen, sondern auch langjährige Weggefährte wie z. B. Sascha Ring (Apparat) oder Ellen Allien. „We Are Modeselektor“ zeigt Bilder aus dem Studio und dem Tourbus und auch der Blick ins Private abseits des Musikalltags kommt nicht zu kurz. „We Are Modeselektor“ erscheint am 3. Mai auf DVD und Blu-ray. www.modeselektor.com Matthew E. White (Auf Tour und So!)11. April 2013 / Kategorie: Events So sehr ich Musik liebe, so viel wie ich höre, es mag das Alter sein oder mein viel zu breit gefächerter Geschmack: Ich kann die klassische Musikstilanalyse nicht mehr, die typischerweise von einem verlangt wird, der über Musik schreiben will.In der Elektronik hatte ich das schon aufgegeben, bevor ich es überhaupt begonnen hatte. Mir war es schlicht egal. Aber auch bei nicht-elektronischer Musik: Ist es mir vielleicht so egal geworden, dass ich es nicht mal mehr kann, wenn ich mich bemühe? Bin ich unfähig? Warum schreibe ich das eigentlich? Nun eigentlich möchte ich über Matthew E. White schreiben. Über sein großartiges 2012er Album "Big Inner". Über seine Tour, die hierzulande in München, Berlin, Hamburg und Köln halt macht. Die Plattenfirma schreibt daz "Mischung aus Country, Soul und Funk". Janun, so leicht kann man es sich machen. Funk sind aber wiederum nur Anleihen dabei, Soul schon eher. Ist es Country? Singer/Songwriter? Und was macht all die Moderne da drin, die sich so elegant an die 70er anlehnt? Randy Newman, heisst es, ist das große Vorbild von Herrn White. Jesus ein anderes. Überhaupt: Die Texte über das Leben, die Liebe und eben Gott. Ein wenig schwingt die Gospel-Kirche immer mit, manchmal auch mehr wie bei "Gone Away", dann wird es mit "Steady Peace" wieder countrig. Aber seht ihr, ich gebe mir schon wieder Mühe, Schubladen zu finden. Dabei ist Matthew E. White eben schöne Musik. Zum Reisen, zum heimkommen und bestimmt auch zum verliebtsein. Tourdaten: 15.04.2013 München - Strom 17.04.2013 Berlin - Privatclub 18.04.2013 Hamburg - Knust 19.04.2013 Köln - Gebäude 9 Langhorne Slim & The Law - The Way We Move24. March 2013 / Kategorie: TonträgerÜber Langhorne Slim zu schreiben, ist zuerst natürlich eine kleine Hommage an Lukas Lassonczyk, der mittlerweile seinen Musik- und Sprachverstand in den Dienst der dann doch etwas professionelleren ASIWYFAB gestellt hat, nicht eine Notwendigkeit – denn, wie etwa neulich die intro angesichts von The Way We Move knapp konstatierte: Der Mann schreibt tolle Songs, aber die Zeiten haben sich a-geändert und feuriger Folk jeden Hotshitfaktor verloren. Lukas debütierte seinerzeit auf e)) mit einer Kritik zum Debüt When the Sun’s Gone Down, beziehungsweise mit dem Verweis auf ein Ereignis um Slim und die damals sehr ähnlich klingenden Two Gallants: "Der Rest der Geschichte ist bekannt" – nun, ich rätsele schon länger, ich habe es vergessen. Vielleicht mal Thomas Meinecke fragen, der vergisst nie. Langhorne Slim jedenfalls ist noch immer da, und er macht noch immer, mittlerweile mit seiner Band The Law, seine eher traditionellen, aber wunderschönen, energetischen, charmanten LoFi-Folk-Rock’n’Roll-Lieder. Und meine Kritik, it goes like this: Da lang gehen dann, eines frühen Morgens, und über dem weiten Feld, über dem knirschenden Schnee, hinter dem Rauch der Schornsteine, hinter den Häusern ein Leuchten, rot und wild zerfließend, das wächst, aufsteigt, den Himmel rosarot anmalt und den Schnee tiefblau und golden, und es ist klar, in diesem Moment: Du, Sonne, bist schon Frühlingssonne, und wenn der Schnee unter meinen Füßen knirscht – da singen doch die Vögel, und es ist klar, wie sie singen: Ihr, Vögel, seid schön Frühlingsvögel. So hat, aus dem Nichts heraus, am Palmsonntagmorgen das Leben begonnen. Und hätte auch begonnen, wäre ich nicht ganz glücklich gewesen und hätte sich nicht da über das Dröhnen in meinen Ohren Langhorn Slims Stimme gelegt, hätte sie nicht gerade da, in diesem Moment, gesungen, wie die Vögel singen und dass der Frühling sicher kommen wird, davon, wie die Sonne (den lord lasse ich einmal stillschweigend beiseite) seine Wild Soul erlösen wird, as kitschy as it gets, na klar, aber hätte er nicht seine Weise gepfiffen, gäbe es einen Moment schlichter Magie weniger auf der Welt, und das wäre doch sehr schade. ![]() "Langhorne Slim & The Law - The Way We Move" vollständig lesen Low - The Invisible Way24. March 2013 / Kategorie: Tonträger Mit stoischer Ruhe veröffentlichen Low seit nunmehr 20 Jahren ihre Alben. Scheinbar losgelöst von irgendwelchen musikalischen Moden oder Revivals bleiben sie ihrem eingeschlagenen Stil dabei stets treu. Ihr Markenzeichen sind und bleiben die langsamen Songs voller Melancholie und Verträumtheit. Das soll aber nicht heißen, dass ein Low Album dem anderen gleicht. Die Band aus Duluth in Minnesota packt ihre Melodien oft in sanfte Arrangements, scheut sich aber nicht davor, ebenso lautere, kraftvolle Wege einzuschlagen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die einzelnen Songs und Alben. Nachdem ihr letztes Werk „C'mon“ eher in ruhigen, aber auch poppigen Gefilden angelegt war, ist ihr neues Album „The Invisible Way“ besonders zurückhaltend und behutsam ausgefallen. Nur ganz selten wird die Band etwas lauter. Im Vordergrund steht ein schlanker, intim wirkender Sound, der vor allem dem Gesang viel Raum schenkt. Diesmal ist hierbei Alan Sparhawk seltener zu hören. Den großen Auftritt erhält Mimi Parker, die mit ihrer gefühlvollen Stimme für eine Menge Zerbrechlichkeit auf den neuen Stücke sorgt. Gewiss war die Musik von Low noch nie für die leichten, unbeschwerten Momente gedacht. Auch auf ihrem zehnten Album sind die Themen streckenweise dunkel und düster. Doch es gibt wie auf „Just Make It Stop“ auch lebensbejahende Töne zu hören. Aber egal in welche Richtung die emotional gefärbte Musik von Low ausschlägt, die Melodien sind stets zum Niederknien. Zehn Alben von Low stellt ein kleines Jubiläum dar. Angesichts der Tatsache, dass es dabei kein schlechtes Low Album gibt, ist das trotz aller traurigen Töne wahrlich ein Grund zum Jubeln. http://chairkickers.com ReBEAT I: David Hasselhoff, Andrea Schroeder, Colt Silvers, Sycamore Age, Jorge Mario Bergoglio22. March 2013 / Kategorie: oder so
Nachdem ich im Laufe der letzten Monate mich hier von Tief zu Tief geschleppt habe, nun ein neuer Ansatz: ReBEAT, ein doofer Name, zugegeben, aber sinnvoll, bezieht er sich doch auf eine Art, über Musik zu reden, wie sie in den 1970er und 1980er Jahren im Warholschen Interview der hierzulande unbekannte, aber grandiose Dandy Glenn O'Brien etabliert hat. Seine BEAT-Kolumnen waren ein Ort radikaler Subjektivität, an dem einige großformatige Seiten lang Gossip, Tagebucheinträge, Poptheorie, runtergekloppte Plasttenkritik und detaillierte Analyse einträchtig nebeneinander existierten und etwas sehr tolles, spannendes Neues zum Leuchten brachten. O'Brien hat damit im Grunde durchaus die Struktur des Blogs vorweggenommen – so gesehen ist, wenn ich nun wieder in die Printstruktur zurückkehre, weg vom Rhizom, Fragment, hin zum fragmentierten, rhizomatischen Gesamttext, das auch eine Reflexion über die Bedingungen des Online-Schreibens. Und alles mögliche andere. Vor allem natürlich meiner Lust geschuldet, anders zu schreiben, weg von der Fließbandkritik, hin zum Zeitgeist. Das soll nicht die Einzelkritik ersetzen, die mag ich auch sehr gerne, aber ergänzen. Und Platz schaffen für den vielen Schrott auch, den ich unverlangt zugesandt kriege und den ich nie besprechen würde, weil es zuviel Aufmerksamkeit und Arbeit wäre und der hier in zehn Zeilen gut weggerockt werden kann. Und so weiter. Ich weiß nicht, wie gelungen das ist, auch ich muss mich neu daran gewöhnen. Über Kommentare würde ich mich sehr freuen. Merci.
Nun also, zum ersten Mal und von nun an wöchentlich: ReBEAT, heute mit: David Hasselhoff an der Berliner East Side Gallery, Andrea Schroeders Single Helden, neuen Alben von den Colt Silvers und Sycamore Age und, natürlich: den Kardinälen Ratzinger und Bergoglio. "ReBEAT I: David Hasselhoff, Andrea Schroeder, Colt Silvers, Sycamore Age, Jorge Mario Bergoglio" vollständig lesen DJ Koze - Amygdala17. March 2013 / Kategorie: Tonträger Stefan Kozalla hat seine Fans stolze 8 Jahre auf ein neues DJ Koze Album warten lassen, es dafür aber ziemlich ambitioniert angelegt. Zum einen hat das Album eine nahezu episch lange Spielzeit erhalten: Es umfasst 13 Stücke, wobei die meisten Tracks mindestens fünf Minuten lang sind. Kozalla haut aber vor allem in Puncto musikalische Gäste ordentlich auf die Pauke: Zu hören sind Dirk von Lowtzow, Sascha Ring, Ada, Milosh, „Tomerle & Maiko“, Dan Snaith und Matthew Dear. Strahlender Höhepunkt bei den Gaststimmen ist aber Hildegard Knef auf Koze's Hit „Ich schreib dir ein Buch 2013“. Wo die meisten Künstler aufgrund dieser Stimmenschar eher ein kunterbuntes Kauderwelsch kreieren, baut Koze aus diesen vielen Einflüssen mit Bravour ein stimmiges Gesamtwerk. Kozalla ist ja besonders als begnadeter DJ bekannt und damit eben auch als ein Confiseur mit besonders geschmackvollen Händen bzw. Ohren. Auf „Amygdala“ präsentiert er ein stringentes Sounddesign mit wunderbaren Klangnuancen, die aber hin und wieder auch einmal Nervpotential haben (das Geflöte auf „Royal Asscher Cut“ zum Beispiel). Die sanften House-Grooves stehen auf seinem neuen Album im Vordergrund. Aber DJ Kozes House-Entwürfe sind ebenso wenig plumpes Standard-Geklopfe wie z. B. die Tracks von Four Tet oder Daphni. „Amygdala“ gefällt mit einfallsreichen und ganz retrofreien Soul-Einflüssen, mit Stücken, die treibend und verspielt zugleich sind („Marilyn Whirlwind“, „My Plans“) und mit wunderbar entspannten und atmosphärischen Grooves („Das Wort“). „Amygdala“ kommt überwiegend leichtfüßig daher und wirkt trotz seiner epischen Länge meist recht kurzweilig. Zudem sind Stefan Kozella in der langen Wartezeit für dieses zweite DJ Koze Album auch wieder ein paar stattliche Hits eingefallen. Damit ist „Amygdala“ eine grundgute und sympathische Platte geworden. Nicht mehr und nicht weniger. http://www.djkoze.de King Ayisoba - Modern Ghanaians12. March 2013 / Kategorie: TonträgerKing Ayisoba oder: Der seltenen Luxus, zu einer Musik etwas sagen zu können, statt bereits hundertfach Gesagtes neu zu verklausulieren. Denn: Es gibt, zumindest im Google-Horizont und in dem mir sprachlich verständlichen Teil des Internets kaum Informationen zu diesem ghanaischen Künstler und noch weniger eine Besprechung seines ersten europäischen Releases, dem Best-Of Modern Ghanaians. Dabei wollte ich doch so gerne so viel verstehen! Vor allem, wie viele Menschen denn nun eigentlich singen, wenn King Ayisoba singt, denn so unterschiedliche Charaktere mit völlig unterschiedlichen Gesangsstilen stehen da am Mikro (Antwort: Einer!). Und wie man eigentlich diese zugleich abgeklärt-lakonischen wie irren Anfeuerungsrufe zu verstehen hat, die am Anfang, in der Mitte und am Ende aller Songs stehen. Und vor allem: Wie verdammtnochmal schreibe ich die auf, ohne mich zu fühlen wie ein Kolonialbeamter, der nach dem Schädelvermessen noch die Muße hat, die Namen aller Berge im Umland zu kartographieren und dabei die Sprache der Indigenen überheblich schmunzelnd, aber durchaus gutmütig verballhornt (Antwort: Keine Ahnung). Was ich stattdessen erfahre, auf den paar Seiten, die es gibt: Ayisoba ist ein Popstar in Ghana, steht in den Entertainment-Rubriken ghanaischer Websites neben den üblichen Hollywood-Größen – weil er, wie etwa GhanaWeb schreibt, von allen genossen werden kann: „By the illiterate farmer as by the business executive“. Seine Musik bewegt sich zwischen den traditionellen Musikstilen – sein Instrument ist die Kologo, eine zweisaitige Laute –, modernen Afro-Beat-Spielarten, Highlife, Hiplife, HipHop, Torch-Songs, zwischen verschiedenen Sprachen, Frafra, Twi, Englisch (und auch den üblichen Themen – Familie, Gott, Afrika, mit den üblichen unangenehmen Momenten). Und nebenbei erfährt man dann auch noch: King Ayisoba kifft wohl nicht wenig, hat drei Frauen, nennt LPs „the big cassette“ (während die tatsächlichen MCs, auf denen seine Musik sich üblicherweise und überaus erfolgreich verkauft, allzu häufig raubkopiert werden) und kam im Alter von drei Jahren durch den Orakelspruch eines Wahrsagers zu seinem Instrument. Und das alles kann ich schreiben, weil es vor mir, in meiner Sprache zumindest, noch niemand getan hat. Und weil es Spaß macht, eine solche Ansammlung Details zwischen haarsträubender Exotik und üblichem Starrummel einmal nicht auf dem für den europäischen Markt geschriebenen Promo-Wisch zu finden, sondern sich seinen Exotismus selbst zu basteln. Statt dann darauf rumzuhämmern, dass das ja alle – zumindest die paar Menschen, die die LP in die Hände kriegen werden, nur hören, weil es über die Fremdartigkeit den eigenen Eskapismus füttert, einfach selbst einmal sich den eigenen Eskapismen hingegeben. Oder besser: Ganz unschuldig dem Interesse, der Neugier. Weil das einmal ausnahmsweise nicht die Scheiße siebter Ordnung ist, sondern vielleicht die zweiter oder dritter. Dabei funktioniert King Ayisobas Musik gar nicht über die Wahrnehmung als eine fremde. Und warum auch: Afrikanische Musik mit traditionellen Elementen, Rap, nicht-englischsprachigen Lyrics, mit Allerlei und Groove, das macht doch jede zweite Brooklyner Kellerband. Nein, diese Musik funktioniert anders, weil sie eben nicht aus dem Diskurs des Hipster-Pop kommt, sondern aus populären ghanaischen Musikdiskursen. Und genau darin liegt der Schlüssel, wie man diese Musik hören sollte. Als: Pop. Nicht als den großgeschriebenen Beatles-POP, sondern als den Pop von Justin Timberlake und Lady Gaga. Als populäre Musik. Extrem eingängig, äußerst tanzbar, handwerklich unglaublich gut, gleichermaßen ganz im Jetzt und ganz in der Zeitlosigkeit verankert. Ich habe es sehr genossen. John Grant - Pale Green Ghosts8. March 2013 / Kategorie: TonträgerAls mir John Grant zum letzten Mal begegnete, war er ein behäbiger Las-Vegas-Crooner mit Symphonieorchester, jetzt ist er ein hipper Hiob aus der Hercules-And-Love-Affair-Posse, der zusammen mit GusGus die 80er nachbaut. Erinnert sich noch wer an Vincent, einen Roman von Joey Goebel, in dem das Leben eines zur Depression neigender Jungen durch dubiose Freunde der Hochkultur gehijackt wird, die ihn mit auch noch jedem erdenklichen Übel konfrontieren, weil nur aus Leid große Kunst entsteht? Nun, so ähnlich, nur ohne die finsteren Hintermänner, liest sich auch, was John Grant hinter sich hat. Pale Green Ghost, sein zweites Solowerk nach dem Ende der Czars, ist ein radikal autobiographisches Album. Das zeigt vor allem in den erneut überragenden Texten. Statt, wie in der langen Geschichte der Songtexte üblich, Identifikationen anzubieten, Andockfläche für Emotionen des Publikums zu sein, sind die Texte dieser Platte, auch wenn sie nicht hermetisch abgeschlossen sind, doch sehr speziell mit dem Leben und Leiden Grants verbunden. Sich ihnen hinzugeben: Ein bitterer Genuss (es sei denn, man empfände auch offen schwule Trennungssongs als reaktionäre Pärchenkacke, was ich durchaus für vertretbar hielte – dann wird das alles schnell unerträglich). Auf musikalischer Ebene, auf der sich gegenüber dem Vorgänger Queen of Denmark viel verändert hat, wo nun statt einem Middle-of-the-Road-Folk-Klangbild klassisch-kühle Elektronik auf dunkle Elegien trifft, ist das Album eher durchwachsen. Zwar sind die Songs und Sounds oftmals interessant, manchmal schön, bizarr, gar berührend. Das eröffnende Titelstück und Ernest Borgnine sind sicher herausragend. Ich mag nur leider die Stimme Grants überhaupt nicht, deren Fähigkeit, zu Betören und die, alles mit zähflüssigem Honig vollzukleistern, sehr dicht beieinander liegen. Als ich vor einigen Tagen im ersten Frühlingsintermezzo grippierend und eingepackt wie auf dem Zauberberg in der Abendsonne saß, war diese opake Schönheit etwas sehr Wertvolles. Heute, etwas fitter, bei viertem Durchlauf und grauem Himmel, kommt mir das Album eher wie kitschiges Kunsthandwerk vor. Eine weitere Parallele zu Vincent tut sich da auf: Die Frage, ob nun wirklich Leid die Voraussetzung ist, große Kunst zu schaffen, wird einfach nicht beantwortet. "John Grant - Pale Green Ghosts" vollständig lesen
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