Label: Anticon
Wer hätte noch damit gerechnet, dass es noch einmal etwas Positives aus dem Hause Anticon zu berichten gäbe? Nachdem dieses Underground-Hip Hop-Ding mit Soles „Selling Live Water“ seinen (vorläufigen?) Höhepunkt gefunden hatte, schien es, als seien nahezu alle Protagonisten des Labels, ausgenommen Clouddead, in einer kreativen Sackgasse gelandet, aus der ein Ausbrechen fast aussichtslos erschien, wollte man sich nicht gleich komplett auf zu neuen Ufern machen – man denke nur an die durchschnittlichen bis schwachen letzten Alben von Alias, Passage und Sole. Überzeugende Arbeit konnten in letzter Zeit einzig diejenigen Musiker abliefern, die am wenigsten mit Hip Hop am Hut hatten. Martin Dosh und Telephone Jim Jesus waren es nämlich, die überzeugende Alben zustande brachten und auf angenehme Art und Weise ihre eigenen Nischen innerhalb des Anticon-Frameworks zu besetzen wussten, während Themselves durch ihre Zusammenarbeit mit The Notwist ebenfalls positiv auffielen.
Eine wichtige Ausnahme in oben beschriebenem Szenario – und nun spannen wir den Bogen zu den aktuellen Veröffentlichungen, die im Folgenden genauer beleuchtet werden sollen – war Why?s „Sanddollars“-Ep . Mit diesem Appetizer deutete Why? an, dass er in Zukunft nicht nur als MC sondern auch als Songschreiber ernst zu nehmen sein würde. Und tatsächlich bewegt sich „Elephant Eyelash“, in Bandbesetzung eingespielt und mit einem hohen Anteil an echtem Gesang ausgestattet, eher in Richtung Pavement als Eminem. Die Umsetzung der Songs mithilfe der Band resultiert in einem als organisch zu bezeichnenden Ganzen, das weitaus melodischer und frischer geworden ist, als ich je zu hoffen gewagt hätte. Indie-Rock zehn Jahre nach Pavement kann also doch Spaß machen – diese Behauptung hätte ich vor einigen Wochen noch kopfschüttelnd und vogelzeigend als Spinnerei abgetan. Why?s Verdienst besteht also darin, das Beste der Neunziger vom Staub der Zeit befreit und mit allerlei moderner Spielerei so aufpoliert zu haben, dass meine Wahl des Lieblingsalbums September 2005 eine eindeutige ist. Daumen hoch für diese Leistung.
Ebenfalls kürzlich erschienen ist „Lillian“, die neue Platte von Alias, diesmal unterstützt von seinem Bruder Ehren. Auch der Anticon-Pionier hat erkannt, dass nach dem faden „Muted“ eine Veränderung bitter nötig gewesen ist. Dass ausgerechnet sein Bruder in der Lage sein würde, Alias trockene Beats mit Flöten, Saxophonen und anderen Instrumenten zu bereichern – und zwar so, dass etwas Brauchbares dabei entsteht – ist erstaunlich und erfreulich zugleich. Endlich gibt es wieder einen Grund, sich diese Musik intensiv anzuhören, denn „Muted“ taugte – wenn überhaupt – nur als seichte Hintergrunduntermalung, von der so gut wie nichts hängen geblieben ist – ‚Unseen Sights’ mal ausgenommen. Nicht, dass ich etwas gegen solche Musik hätte – im Gegenteil, sie ist mir in vielen Situationen sogar sehr willkommen – aber „Muted“ war eindeutig nicht als solche konzipiert worden und wurde von mir nur deshalb so aufgefasst, weil die Platte nur wenig Interessantes zu bieten hatte. Mit „Lillian“ ist Alias hingegen ein großer Schritt nach vorne geglückt, der mich wieder neugierig auf zukünftige Veröffentlichungen macht.
Ob „Elephant Eyelash“ und „Lillian“ exemplarisch auf eine Weiterentwicklung der gesamten Anticon-Familie hindeuten, wird sich erst zeigen müssen. Ich bin mir jedoch sicher, dass der Weg weg vom reinen Hip Hop mit Underground-Charme ein notwendiger ist, will man nicht Gefahr laufen, sich ständig zu wiederholen und irgendwann in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bleibt zu hoffen, dass es auch anderen Acts gelingen wird, interessante Musik zu veröffentlichen. Schließlich kann es doch nicht angehen, dass eine zum Gähnen langweilige Platte wie „Late Registration“ heutzutage als Rettung eines ganzen Genres gefeiert werden kann.