
Da nun bei uns schon eine ganze Weile nichts mehr zu hören war von einschlägigen Bands und Labels, hier ein kleiner Rundumschlag in Sachen Balkan-Trend. So hat es mich ja durchaus erfreut, dass seit einiger Zeit
Garth Cartwrights Princes Amongst Men auf deutsch erhältlich ist, bei hannibal und unter dem Titel
Balkan-Blues und Blaskapellen. Das Original erschien 2005, seitdem hat sich die Zahl der Nationen auf der Balkan-Halbinsel gefühlt verdoppelt, nicht allzu viel geändert hat sich hingegen am Status der Protagonisten.
Natürlich geht es um Musik, um viel Musik, um tolle Musik, um Begegnungen mit Fanfare Ciocarlia, Ezma Redzepova, den Taraf de Haidouk, um die Pionierarbeiten von Labels wie Asphalt Tango und das Festival von Guca. Cartwrights Buch funktioniert wunderbar und überaus unterhaltsam als Kompendium zur aktuellen Balkan-Musik, zumindest zu der, die im westlichen Europa angekommen ist, was sich ja auf Folklore
rather than Manele bezieht.
Aber Cartwright interessiert sich vor allem für der Realität des Lebens der Roma-Musiker, dafür, wie KAL und Jony Iliev zwischen ausverkauften Touren im Westen ihren Alltag bestreiten. Und das ist oftmals keine schöne Geschichte, denn Rassismus und Ausgrenzung durch Politik und Nachbarn sind nicht mit EU-Beitritten zu besiegen. Der Neuseeländer schafft es dabei, gerade durch die Thematisierung von Stereotypen, mit dem Vermeiden von Weichzeichnung zu Gunsten der political correctness, den Roma eine Stimme zu geben, die mehr und vielschichtiger erzählt als die schlimmen Statistiken oder die bunten Märchen. Seine Einblicke hinterlassen dabei nie den Eindruck, Klischees zu bestätigen, neue zu schaffen oder letztendlich mehr zu sein, als die Beobachtungen und Gedanken eines Balkan-Fans auf einer Reise mit und zu Roma-Musikern in Großstädten, Ghettos und im Niemandsland Serbiens, Mazedoniens, Rumäniens und Bulgariens. Sehr empfehlenswert!

Die
Figli Di Madre Ignota tauchen in Cartwrights Buch jedoch ganz gewiss nicht auf, stammen sie doch nicht aus Iaşi oder Kragujevac, sondern: Mailand. Spaghetti Balkan als selbstbehauptete Genrebezeichnung drängt sich da auf, denn wie in den Siebzigern der amerikanische Western gegenüber dem italienischen Nachbau spießig und unoriginell erscheint, weil die Spaghettiwestern, der patriotischen Pflicht enthoben, einfach wesentlich zynischer und respektloser mit Personen und Motiven umzugehen wussten, so lassen Figli Di Madre Ignota sich nicht auf spicy Blasmusik und orientalische Violinenexzess reduzieren. Die gibt es natürlich auch, zu Genüge und zum größten Vergnügen. Aber halt auch funky Bassläufe und Rockismen, die
Fez Club (
Eastblok Music) zum Tanzen in die Siebziger schicken, vom verwirrenden englisch-italienisch-serbischen Sprachmix abgesehen.
Im Ansatz vergleichbar sind die Herren wohl besser mit Gogol Bordello als mit Fanfare Ciocarlia und Boban Markovic. Deren Intensität dann auch nie so ganz erreicht wird. Dennoch: Wer einmal angefangen hat, hierzu zu tanzen, wird bis zum letzten Stück nicht mehr aufhören können. Mit oder ohne Bier. Und dann ist da ja noch dieses obskure Klezmer-Freakout
Sandoman, das von einer Balkan-Zirkuskapelle namens
Circus Contraption gespielt wird. Die stammt nicht aus Skopje oder Stara Sagora, sondern: Seattle. Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte…
Label: Eastblok Music Heute mal kein Diskurs, heute mal inkonsequent, stattdessen mal einfach wieder den unfassbaren Balkansound abfeiern. La Minor klingen dabei ungefähr so wie damals, mit 15, 16 zum ersten Mal Kusturicas Underground: Vor dem Videorek
Aufgenommen: Jun 16, 22:41