Label: Baskaru
Boris Groys:
Das avantgardistische Kunstwerk ist eben dasjenige, das seine eigene ästhetische, historische, politische und sonstige Kontextualisierung explizit in sich selbst reflektiert. Wenn man von einem avantgardistischen Kunstwerk den Kommentar abzieht, dann bleibt eben ein sehr traditionelles Kunstwerk übrig. Das avantgardistische Kunstwerk ist in der Tat kommentarbedürftig, aber nicht um ein Kunstwerk, sondern um avantgardistisch zu sein. Der Kommentar ist [diesen Kunstwerken] also nicht äußerlich, sondern ein integraler Teil dessen, was aus ihnen interessante, moderne, avantgardistische Kunstwerke macht -
Frank Rothkamm ist sicherlich ein Künstler, der mehr (aber nicht aussschließlich) über die Idee funktioniert als über ästhetische Rezeption, der Theorie kreativ werden lässt.
Werke wie die Variationen über die ersten zehn Töne der Spongebob-Schwammkopf-Titelmelodie (
Opus Spongebobicum, 2008) oder sein
Manifest der Supermoderne (
The plan for the pure and applied electronic music of supermodernism calls for the randomization of man and machine, so that the boundary between them won't be told with certainty and the randomization of music and time, so that no absolute placement in linear historical terms can be made), das zeugt von Ironie und Ernsthaftigkeit, Bewusstsein und Spontaneität, Kunst und Künstlichkeit, Radikalität und Pop, von Möglichkeiten, realen Möglichkeiten; das ist schon als Konzept wichtig und soll gar nicht weiter paraphrasiert und folglich verharmlost werden, das muss man nichtmal hören, es reicht, dass es das gibt.
Die Verfahrensweise bei
ALT, dem Album, um das es hier nun geht, wird von Rothkamm, und damit soll der Zitatmarathon zu Ende gebracht sein, beschrieben als
iterative procedures on physical machines (as opposed to a linear process in software). Once the process is in motion, no or minimal intervention takes place. Each piece on ALT has the same premise: to create an infinity machine, a deus ex machina, to experience an infinite process in a finite amount of time. Davon zeugt schon die Tracklist, die mit
AAA beginnt und mit
CON endet - Soundschleifen, die gleichzeitig Ideen sind, die gleichzeitig etwas ganz anderes sind, Schwarze Löcher, in denen Raum und Zeit aufgehoben sind, ein Mehralssound, ein reflektierend kreisendes Paradox; am tollsten aber: Es ist nicht nur Abstraktion, sondern auch trivialer Genuss.
ALT ist nämlich, bei allem theoretischen Background der Musik und des Künstlers, ein überaus klangreiches, harmonisches, spannendes Ambient-Elektronik-Album geworden.
(Zitat Boris Groys: Der Pop-Geschmack; in: Grasskamp u.a. (Hrsg.): Was ist Pop. 10 Versuche, Frankfurt/M. 2004, S.101)