
Nun hat das Internet neben den CD-Verkäufen also auch noch die klassische Plattenkritik vernichtet. Zumindest die spex hat sich mit ihrer aktuellen Ausgabe von dieser Art der Musikbesprechung verabschiedet. So liest man in Heft 324 folgende Aussage: „Längst lesen wir in Internet-Foren oder –Blogs am selben Tag, an dem eine neue Schallplatte digital durchsickert, (meist sehr subjektiv) über Positionen zur Musik und können sie uns oft auch schon anhören. Die Frage stellt sich, was eine Plattenkritik, verfasst von einem Autorenindividuum als Absender, Wochen nach Veröffentlichung, noch Relevantes zum Diskurs beitragen kann?“ Die Antwort der spex stellt eine neuartige Form der Besprechung dar. „Pop Briefing“ nennt die Redaktion dies und der Leser darf sich auf eine „mehrstimmige Erzählung“ zu einem Album freuen. Jedes für den Plattenteil ausgewählte Album wird nun sogar „multiperspektivisch beleuchtet“. Konkret bedeutet dies, dass drei bis vier Autoren pro Thema an einem „virtuellen runden Tisch“ sitzen und ihre Gedanken zum entsprechenden Werk niederschreiben. Leider wird mir übel, wenn ich so eine Einleitung und Erklärung zum „Pop Briefing“ lesen muss. Ist dieser Titel schon dumm genug, sind die „neuen“ Rezensionen nun ein richtiges Ärgernis. Bislang hatten sich Autoren meist bemüht, geistreiche und tiefgründige Worte zu einem musikalischen Werk zu finden. Der Leser bekam eine subjektive Perspektive eines Autoren geliefert, die, ob nachvollziehbar oder nicht, zumindest eine prägnante Meinung darstellte. Nun plaudern mehrere Autoren drauf los und reihen ihre Geistesblitze mit ganz viel Insider-Wissen aneinander. Was dabei entsteht, sind Textsammlungen mit einem hohen Maß oberflächlichen Gelabers. „Multiperspektivisch“ - aha! Wenn sich die spex von der Schnelligkeit des Internets überrollt fühlt, wieso wird dann auf Betrachtungen zu Platten wie Annie, Julian Casablancas, Rammstein und Lady Gaga nicht gleich ganz verzichtet? Man könnte doch auch komplett auf Verlangsamung setzen und einen Gegenpol bilden – mit cleveren und tiefgründigen Betrachtungen zu Themen, die im rasanten Tagesgeschäft des Webs untergegangen sind. Aber klar, ohne die großen Namen und Konsensthemen geht’s ja doch nicht, da die Auflagenzahlen im Keller sind und die Anzeigenkunden auch irgendwie zufrieden gestellt werden müssen. Also bleibt die Themenauswahl bestehen und statt interessanter und mitunter hilfreicher Besprechungen, bekommen die Leser nun eine Nachbildung eines Internet-Forum-Strangs präsentiert. Respekt zu dieser Entwicklung. Das ist keine gute und neue Idee, sondern die offenbarte Orientierungslosigkeit innerhalb eines veränderten Musik- und Medienmarktes.