
In Interviews anlässlich seines neuen Albums, verrät Jamie Lidell derzeit gerne, dass er einige turbulente Jahre hinter sich habe, nun jedoch wieder die Spur gefunden hat. Dazu gehört zum einen eine neue Liebe, aber auch der Wechsel seines Lebensschwerpunktes von Berlin nach New York. In keiner anderen Stadt als dieser leben so viele Menschen unterschiedlicher Rasse, Nationalität und Kultur zusammen. Und vielleicht hat genau der Schmelztiegel New York Jamie Lidell ein Stück weit zu seinem neuen Album „Compass“ inspiriert. Denn so vielfältig und abwechslungsreich diese Metropole ist, so kunterbunt und bewegt geht es auch auf „Compass“ zu. Der 36-jähige Brite stößt die musikalischen Grenzen nieder und macht scheinbar einfach genau das, worauf er im Moment Lust hat. Ein paar Beispiele: Das soulige „She Needs Me“ könnte ein Stück auf einem D’Angelo Album sein, auf „We Are Walking“ gibt Lidell den wilden Rocker zu verzerrten Gitarren, während er wiederum bei „The Ring“ in Sachen Funk einem Prince in nichts nach steht. Auch eine bewegende Ballade mit Streichern und Kastagnettenklappern gehört in Lidells Programm (der Titelsong „Compass“). In einem Moment klingt sein neues Album „Compass“ wie ein reinrassiges Retro-Album, doch im nächsten flirtet der Brite gleich wieder mit moderner Elektronik. Von der stilistischen Abwechslung abgesehen, wirkt Jamie Lidell auf dieser Platte so aufgewühlt, leidenschaftlich und frisch wie nie zuvor. Dazu gehört auch, dass seine Stimme so markant wie zu Super Collider Zeiten ertönt und die penible Glätte vom Vorgängerwerk „Jim“ nahezu verschwunden ist. „Compass“ ist zudem so eine Art Allstars-Platte geworden. Die meisten Stücke hat er mit Beck aufgenommen, produziert hat Chris Taylor von Grizzly Bear und Feist, sowie Gonzales durften u. a. auch noch mitmischen. Besonders Beck hat streckenweise deutliche Spuren auf diesem Album hinterlassen, wie dies eindrucksvoll beim Stück „Coma Chameleon“ nachzuhören ist. Derzeit kann ich mich zwar (noch) nicht mit jedem Song auf Jamies neuem Album komplett anfreunden, doch die Aussage, dass ich mir mehr Musiker wünschen würde, die musikalisch so befreit und mit so viel Mumm auftrumpfen, möchte ich an dieser Stelle schon mal zu Protokoll geben.
jamielidell.com/