
Nur noch alle drei Wochen Texte, und dann immer mehr vom gleichen: Nachdem letztens mit
Markscheider Kunst die nicht gerade als Progressionsexplosion bekannte Gattung Ska zu ihrem Recht kam, sollte man dann auch gleich nachlegen, denn was man einmal angefangen hat, das muss man auch zu Ende bringen. Außerdem muss man den Teller leer essen, man muss fressen, bis der Teller leer ist, und man muss den letzten Fluss vergiften, um zu merken, dass man Geld nicht essen kann, und darum nun eben konsequent: Indie-Rock.
Die Einleitung wird der Platte natürlich nicht gerecht, auch wenn
Chris Leo schon qua Familienname grundverdächtig ist. Allerdings hat sich der Bruder des ungleich populäreren Ted von seinem Wurzeln im emo-informierten amerikanischen Früh-Indie ein gutes Stück weit entfernt. Nach Bandzwischenspielen u.a. mit Mitgliedern von Blonde Redhead und Jets To Brazil in den Neunzigern (The Van Pelt, The Lapse) experimentierte Leo auf ganz anderen Feldern, schrieb 2004 mit
White Pigeons einen Roman über verlorene Liebe, Tourleben, Ausbruch und Musik, dessen entscheidendes Kapitel in Form eines Albums konzipiert und natürlich beigelegt war. Momentan schreibt er in Mexiko einen Roman
about a wordless letter, wie das Label
Expect Candy verlauten lässt – die Sprachsensibilität des Songwriters spürt man auf dem mittlerweile dritten Album der längst realen Vague Angels in jeder Zeile. Außenstehenden sei der Albumtitel
The Sunny Day I Caught Tintarella di Luna for a Picnic at the Cemetary anempfohlen.
Bei solch lyrisch-lakonischer Ausschweifung mag es erstaunen, dass das von der ersten Sekunde an mit kalt-heißem Griff an die Kehle geht – ein Griff, der bis zur letzten nicht gelockert wird. Die Songs leben von der Spannung zwischen Sturm & Drang, einer fast schon bedrohlichen Dringlichkeit der Musik und der melancholischen Distanz dylanesker Sprachkaskaden. Alles auf diesem Album ist Rhythmus, ist Melodie, ist Sprachfluss, ist Harmonie, ist Dissonanz, latinoamerikanische Einflüsse, Post-Core, Velvet Underground, Poesie. Ein tolles, unerwartet tolles Werk ist das geworden, eine schimmernde Perle aus den Tiefen halbdunkler Sommernächte. Vielleicht ist es den nach zehn Songs ob der Intensität atemlosen und immer noch überraschten Hörer_innen gewidmet, wenn Leo sein Album mit einem unterkühlt aufgesagten
I know it / I knew it all along / I was just playing / I knew ausklingen lässt.