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Born Ruffians - Birthmarks7. May 2013 / Kategorie: TonträgerDie Born Ruffians waren schon 2008 eher der kleine Außenseiter in der Neue-Wege-Indie-Troika, die sie mit den parallel debütierenden Vampire Weekend und den Foals bildeten. Red, Yellow & Blue hieß ihr Beitrag zum damaligen Sound des euphorisch-nervösen, immer afrophilen Zuckens, ein Album, das mich damals zugegebenermaßen eher kalt ließ – ganz anders als der Nachfolger Say It, zumeist positiv beschieden und folgenlos durchgewunken, mir aber nach wie vor eines der liebsten Alben des Jahres 2010. Fünf Jahre nach ihren Debüts haben Vampire Weekend ihren Jahrzehnts-Blueprint-Song längst geschrieben (Diplomat's Son), die Foals sich für geschmackvollere Massen enthysterisiert und die Born Ruffians sich endgültig ihrem Schicksal gebeugt, in der zweiten Reihe zu spielen. Birthmarks, Album Nummer drei, ist der Versuch, den eigenen Stil zu zähmen, Songs zu liefern statt bloße Ideen von Songs, die der Hörer sich dann, beinahe im Sinne des Barthes-schen Lesers, quasi selbst schreiben muss. Und es sind sind natürlich durchaus gute Songs. Manche klingen, passend, wie Vampire Weekend, manche wie Phoenix, nicht die schlechtesten Referenzen. Manche gehen nicht nur ins Ohr, sondern bleiben auch ihre Weile dort. Say It hingegen bestand aus Skizzen, die durch nichts zusammengehalten wurden denn durch eine beinahe übermenschliche Kraftanstrengung, durch den Willen, sie irgendwie zusammenzuhalten, wo ihre Elemente doch wie sich abstoßende Pole auseinanderstieben. Nicht immer hat das funktioniert, aber es war genau diese Energie, Explosion fatal kombinierter Stoffe, Energie des hoffnungslosens Dagegenhaltens, die diese Band so besonders machte. Und die nun beinahe verschwunden ist. There's a place in my mind's bookshelf / For the song I'll never sing / It goes "woohooh, wooohooh", hieß es im Stück Nova Leigh. Schade, dass die (aber ja doch: angenehmen, vielseitigen, schönen) Songs, die die Born Ruffians nun wirklich singen, diese wortlos jubilierende Begeisterung nicht mehr verströmen. "Born Ruffians - Birthmarks" vollständig lesen Langhorne Slim & The Law - The Way We Move24. March 2013 / Kategorie: TonträgerÜber Langhorne Slim zu schreiben, ist zuerst natürlich eine kleine Hommage an Lukas Lassonczyk, der mittlerweile seinen Musik- und Sprachverstand in den Dienst der dann doch etwas professionelleren ASIWYFAB gestellt hat, nicht eine Notwendigkeit – denn, wie etwa neulich die intro angesichts von The Way We Move knapp konstatierte: Der Mann schreibt tolle Songs, aber die Zeiten haben sich a-geändert und feuriger Folk jeden Hotshitfaktor verloren. Lukas debütierte seinerzeit auf e)) mit einer Kritik zum Debüt When the Sun’s Gone Down, beziehungsweise mit dem Verweis auf ein Ereignis um Slim und die damals sehr ähnlich klingenden Two Gallants: "Der Rest der Geschichte ist bekannt" – nun, ich rätsele schon länger, ich habe es vergessen. Vielleicht mal Thomas Meinecke fragen, der vergisst nie. Langhorne Slim jedenfalls ist noch immer da, und er macht noch immer, mittlerweile mit seiner Band The Law, seine eher traditionellen, aber wunderschönen, energetischen, charmanten LoFi-Folk-Rock’n’Roll-Lieder. Und meine Kritik, it goes like this: Da lang gehen dann, eines frühen Morgens, und über dem weiten Feld, über dem knirschenden Schnee, hinter dem Rauch der Schornsteine, hinter den Häusern ein Leuchten, rot und wild zerfließend, das wächst, aufsteigt, den Himmel rosarot anmalt und den Schnee tiefblau und golden, und es ist klar, in diesem Moment: Du, Sonne, bist schon Frühlingssonne, und wenn der Schnee unter meinen Füßen knirscht – da singen doch die Vögel, und es ist klar, wie sie singen: Ihr, Vögel, seid schön Frühlingsvögel. So hat, aus dem Nichts heraus, am Palmsonntagmorgen das Leben begonnen. Und hätte auch begonnen, wäre ich nicht ganz glücklich gewesen und hätte sich nicht da über das Dröhnen in meinen Ohren Langhorn Slims Stimme gelegt, hätte sie nicht gerade da, in diesem Moment, gesungen, wie die Vögel singen und dass der Frühling sicher kommen wird, davon, wie die Sonne (den lord lasse ich einmal stillschweigend beiseite) seine Wild Soul erlösen wird, as kitschy as it gets, na klar, aber hätte er nicht seine Weise gepfiffen, gäbe es einen Moment schlichter Magie weniger auf der Welt, und das wäre doch sehr schade. ![]() "Langhorne Slim & The Law - The Way We Move" vollständig lesen ReBEAT I: David Hasselhoff, Andrea Schroeder, Colt Silvers, Sycamore Age, Jorge Mario Bergoglio22. March 2013 / Kategorie: oder so
Nachdem ich im Laufe der letzten Monate mich hier von Tief zu Tief geschleppt habe, nun ein neuer Ansatz: ReBEAT, ein doofer Name, zugegeben, aber sinnvoll, bezieht er sich doch auf eine Art, über Musik zu reden, wie sie in den 1970er und 1980er Jahren im Warholschen Interview der hierzulande unbekannte, aber grandiose Dandy Glenn O'Brien etabliert hat. Seine BEAT-Kolumnen waren ein Ort radikaler Subjektivität, an dem einige großformatige Seiten lang Gossip, Tagebucheinträge, Poptheorie, runtergekloppte Plasttenkritik und detaillierte Analyse einträchtig nebeneinander existierten und etwas sehr tolles, spannendes Neues zum Leuchten brachten. O'Brien hat damit im Grunde durchaus die Struktur des Blogs vorweggenommen – so gesehen ist, wenn ich nun wieder in die Printstruktur zurückkehre, weg vom Rhizom, Fragment, hin zum fragmentierten, rhizomatischen Gesamttext, das auch eine Reflexion über die Bedingungen des Online-Schreibens. Und alles mögliche andere. Vor allem natürlich meiner Lust geschuldet, anders zu schreiben, weg von der Fließbandkritik, hin zum Zeitgeist. Das soll nicht die Einzelkritik ersetzen, die mag ich auch sehr gerne, aber ergänzen. Und Platz schaffen für den vielen Schrott auch, den ich unverlangt zugesandt kriege und den ich nie besprechen würde, weil es zuviel Aufmerksamkeit und Arbeit wäre und der hier in zehn Zeilen gut weggerockt werden kann. Und so weiter. Ich weiß nicht, wie gelungen das ist, auch ich muss mich neu daran gewöhnen. Über Kommentare würde ich mich sehr freuen. Merci.
Nun also, zum ersten Mal und von nun an wöchentlich: ReBEAT, heute mit: David Hasselhoff an der Berliner East Side Gallery, Andrea Schroeders Single Helden, neuen Alben von den Colt Silvers und Sycamore Age und, natürlich: den Kardinälen Ratzinger und Bergoglio. "ReBEAT I: David Hasselhoff, Andrea Schroeder, Colt Silvers, Sycamore Age, Jorge Mario Bergoglio" vollständig lesen King Ayisoba - Modern Ghanaians12. March 2013 / Kategorie: TonträgerKing Ayisoba oder: Der seltenen Luxus, zu einer Musik etwas sagen zu können, statt bereits hundertfach Gesagtes neu zu verklausulieren. Denn: Es gibt, zumindest im Google-Horizont und in dem mir sprachlich verständlichen Teil des Internets kaum Informationen zu diesem ghanaischen Künstler und noch weniger eine Besprechung seines ersten europäischen Releases, dem Best-Of Modern Ghanaians. Dabei wollte ich doch so gerne so viel verstehen! Vor allem, wie viele Menschen denn nun eigentlich singen, wenn King Ayisoba singt, denn so unterschiedliche Charaktere mit völlig unterschiedlichen Gesangsstilen stehen da am Mikro (Antwort: Einer!). Und wie man eigentlich diese zugleich abgeklärt-lakonischen wie irren Anfeuerungsrufe zu verstehen hat, die am Anfang, in der Mitte und am Ende aller Songs stehen. Und vor allem: Wie verdammtnochmal schreibe ich die auf, ohne mich zu fühlen wie ein Kolonialbeamter, der nach dem Schädelvermessen noch die Muße hat, die Namen aller Berge im Umland zu kartographieren und dabei die Sprache der Indigenen überheblich schmunzelnd, aber durchaus gutmütig verballhornt (Antwort: Keine Ahnung). Was ich stattdessen erfahre, auf den paar Seiten, die es gibt: Ayisoba ist ein Popstar in Ghana, steht in den Entertainment-Rubriken ghanaischer Websites neben den üblichen Hollywood-Größen – weil er, wie etwa GhanaWeb schreibt, von allen genossen werden kann: „By the illiterate farmer as by the business executive“. Seine Musik bewegt sich zwischen den traditionellen Musikstilen – sein Instrument ist die Kologo, eine zweisaitige Laute –, modernen Afro-Beat-Spielarten, Highlife, Hiplife, HipHop, Torch-Songs, zwischen verschiedenen Sprachen, Frafra, Twi, Englisch (und auch den üblichen Themen – Familie, Gott, Afrika, mit den üblichen unangenehmen Momenten). Und nebenbei erfährt man dann auch noch: King Ayisoba kifft wohl nicht wenig, hat drei Frauen, nennt LPs „the big cassette“ (während die tatsächlichen MCs, auf denen seine Musik sich üblicherweise und überaus erfolgreich verkauft, allzu häufig raubkopiert werden) und kam im Alter von drei Jahren durch den Orakelspruch eines Wahrsagers zu seinem Instrument. Und das alles kann ich schreiben, weil es vor mir, in meiner Sprache zumindest, noch niemand getan hat. Und weil es Spaß macht, eine solche Ansammlung Details zwischen haarsträubender Exotik und üblichem Starrummel einmal nicht auf dem für den europäischen Markt geschriebenen Promo-Wisch zu finden, sondern sich seinen Exotismus selbst zu basteln. Statt dann darauf rumzuhämmern, dass das ja alle – zumindest die paar Menschen, die die LP in die Hände kriegen werden, nur hören, weil es über die Fremdartigkeit den eigenen Eskapismus füttert, einfach selbst einmal sich den eigenen Eskapismen hingegeben. Oder besser: Ganz unschuldig dem Interesse, der Neugier. Weil das einmal ausnahmsweise nicht die Scheiße siebter Ordnung ist, sondern vielleicht die zweiter oder dritter. Dabei funktioniert King Ayisobas Musik gar nicht über die Wahrnehmung als eine fremde. Und warum auch: Afrikanische Musik mit traditionellen Elementen, Rap, nicht-englischsprachigen Lyrics, mit Allerlei und Groove, das macht doch jede zweite Brooklyner Kellerband. Nein, diese Musik funktioniert anders, weil sie eben nicht aus dem Diskurs des Hipster-Pop kommt, sondern aus populären ghanaischen Musikdiskursen. Und genau darin liegt der Schlüssel, wie man diese Musik hören sollte. Als: Pop. Nicht als den großgeschriebenen Beatles-POP, sondern als den Pop von Justin Timberlake und Lady Gaga. Als populäre Musik. Extrem eingängig, äußerst tanzbar, handwerklich unglaublich gut, gleichermaßen ganz im Jetzt und ganz in der Zeitlosigkeit verankert. Ich habe es sehr genossen. John Grant - Pale Green Ghosts8. March 2013 / Kategorie: TonträgerAls mir John Grant zum letzten Mal begegnete, war er ein behäbiger Las-Vegas-Crooner mit Symphonieorchester, jetzt ist er ein hipper Hiob aus der Hercules-And-Love-Affair-Posse, der zusammen mit GusGus die 80er nachbaut. Erinnert sich noch wer an Vincent, einen Roman von Joey Goebel, in dem das Leben eines zur Depression neigender Jungen durch dubiose Freunde der Hochkultur gehijackt wird, die ihn mit auch noch jedem erdenklichen Übel konfrontieren, weil nur aus Leid große Kunst entsteht? Nun, so ähnlich, nur ohne die finsteren Hintermänner, liest sich auch, was John Grant hinter sich hat. Pale Green Ghost, sein zweites Solowerk nach dem Ende der Czars, ist ein radikal autobiographisches Album. Das zeigt vor allem in den erneut überragenden Texten. Statt, wie in der langen Geschichte der Songtexte üblich, Identifikationen anzubieten, Andockfläche für Emotionen des Publikums zu sein, sind die Texte dieser Platte, auch wenn sie nicht hermetisch abgeschlossen sind, doch sehr speziell mit dem Leben und Leiden Grants verbunden. Sich ihnen hinzugeben: Ein bitterer Genuss (es sei denn, man empfände auch offen schwule Trennungssongs als reaktionäre Pärchenkacke, was ich durchaus für vertretbar hielte – dann wird das alles schnell unerträglich). Auf musikalischer Ebene, auf der sich gegenüber dem Vorgänger Queen of Denmark viel verändert hat, wo nun statt einem Middle-of-the-Road-Folk-Klangbild klassisch-kühle Elektronik auf dunkle Elegien trifft, ist das Album eher durchwachsen. Zwar sind die Songs und Sounds oftmals interessant, manchmal schön, bizarr, gar berührend. Das eröffnende Titelstück und Ernest Borgnine sind sicher herausragend. Ich mag nur leider die Stimme Grants überhaupt nicht, deren Fähigkeit, zu Betören und die, alles mit zähflüssigem Honig vollzukleistern, sehr dicht beieinander liegen. Als ich vor einigen Tagen im ersten Frühlingsintermezzo grippierend und eingepackt wie auf dem Zauberberg in der Abendsonne saß, war diese opake Schönheit etwas sehr Wertvolles. Heute, etwas fitter, bei viertem Durchlauf und grauem Himmel, kommt mir das Album eher wie kitschiges Kunsthandwerk vor. Eine weitere Parallele zu Vincent tut sich da auf: Die Frage, ob nun wirklich Leid die Voraussetzung ist, große Kunst zu schaffen, wird einfach nicht beantwortet. "John Grant - Pale Green Ghosts" vollständig lesen Unknown Mortal Orchestra - II6. March 2013 / Kategorie: TonträgerEin paar Wochen sind mittlerweile vergangen, seit das Unknown Mortal Orchestra sein zweites Album II veröffentlichte. Die Zeit hat dem Album gut getan, insofern, als nach der ersten Phase des Einordnens in postmoderne Referenzspielchen mehr und mehr die genuine Qualität der Musik in den Vordergrund rückte. Nicht, dass das zu deutlich voneinander getrennt werden sollte, besteht ein Großteil der Freude, die dieses Album macht, doch genau darin. Basic facts, noch einmal: Nach dem selbstbetitelten Debüt von 2011, das mit zauberhaft einfachen Melodien im Minutentakt die Sonne aufgehen ließ, zieht sich Ruban Nielson nun in ein surrealistisch-psychedelisch verfremdetes 70er-Rock-Universum zurück, das mit Versatzstücken von Spät-Beatles bis Led Zeppelin (und eben dem Haufen Bands in dieser triumphalen Zwischenperiode zwischen Beat und Prog, den wir alle nicht wirklich kennen) um sich wirft wie mit Konfetti. Herausragend ist dabei vor allem die Schluffigkeit, mit der das geschieht, wie Gitarren, die nach Pathos schreien, mit einem Habitus gequeert werden, der immer genau weiß, wie viel Spaß das macht, gerade, weil man es nicht allzu ernst nehmen sollte – allein das Cover! Mit dieser Wicca-Jüngerin! Super! Damit nimmt das Orchestra einer potenziell ekligen Musik tatsächlich alle Ekligkeit. Was ja schon für eine lobende Erwähnung reichen würde, aber dann breitet Nielson diesen etwas campen Klangkosmos noch dazu in tollen Pop-Songs aus. Steigt mit einer verträumt-psychedelischen Suizid-Ballade ein (From the Sun), gefolgt von dem tollen King-Crimson-in-Pop-Song Swim and Sleep (Like a Shark). Zur Mitte hin zerfranst das Album dann leider etwas ziellos in ausufernden Rock-in-Rock, den ich nicht so spannend finde, aber das schmälert den überaus positiven Gesamteindruck nur wenig. "Unknown Mortal Orchestra - II" vollständig lesen Field Rotation - Fatalist: The Repetition of History27. February 2013 / Kategorie: TonträgerEs bedarf des Lichts eines hellen Tages, zu entschlüsseln, wohin der Wegweiser auf Jan Schoofs Gemälde auf dem Cover von Field Rotations Zweitwerk nun lenkt, so tiefschwarz in schwarz ist die Nacht. Und so sehr man sich in den aufziehenden Nebelwänden von Fatalist: The Repetition of History Leitung und Richtung wünscht, deutlicher als der dem Blick entzogene Pfeil im undurchdringlichen Dunkel könnte kein Weg zu dieser Musik führen: Nachtmusik, Schattenmusik, Dröhnmusik. Und gesättigt an Diskursen: Freud und Nietzsche und griechische Philosophie hier verschwurbelt, in elektroakustische Klänge. The Uncanny, das erste Stück: Unbehagliches Dräuen; unbehagliches Dräuen, sakrales Pulsieren mit in die Talsohle des uncanny valley platzierten, verfremdeten weiblichen Gesang auch im folgenden Valse Fatale. Nur Kälte, Dunkelheit, Beklemmung. Ambient mag man diese Musik nennen müssen, wie sie so dahingleitet, sich sphärisch entfaltet, Ambient ist sie aber nicht im eigentlichen Sinne, dass sie im Hintergrund der Wahrnehmung bleibt, sich zurücknimmt. Fatalist fräst sich in die Köpfe, materialisiert sich wie die Phantome der Séance, steht auf einmal viel zu körperlich neben deinem Bett, schneidet scharf mit Geigenbögen, erdrosselt langsam mit den Saiten des Klaviers. Und es kommt eben keine Erlösung, eben nicht die fragile Schönheit oder irgendein Silberstreif am Horizont, wird konsequent das naheliegende Wohlgefühl verweigert (zugunsten eines komplexeren), sind Melodien immer wieder nur das schwache Kräuseln an der Wasseroberfläche der Styx, bloß Ideen, die nie ins Licht stoßen, aber zugleich der Gestalt der Klänge Textur geben. Fatalist: The Repetition of History ist von einer gewissen erhabenen Größe. "Field Rotation - Fatalist: The Repetition of History" vollständig lesen Yes Sir Boss - Desperation State19. February 2013 / Kategorie: TonträgerJoss Stone ist, das mal vorweg, noch immer eine aussichtsreiche Kandidatin, dereinst für unsere Generation die Piaf zu machen, sprich: Wenn das Leben mit ein paar Schicksalsschlägen, die man niemandem wünschen wird, mit Drogen, Liebe, Hass und unverhofften Zufällen ihre seit zehn Jahren nervende 'Das süße blonde Mädchen mit der rabenschwarzen Stimme'-Erzählung doch noch heftig wegätzen sollte, dann stehen ihre Chancen allerbestens, in vierzig Jahren ein Comeback von tragischer Größe und Erhabenheit veranstalten zu können. Ich mag Joss Stone nicht unbedingt, aber ein Je Ne Regrette Rien hätte ihre Stimme auf jeden Fall verdient. Vorerst reüssiert sie mit Stone’d Records (zugegebenermaßen: Das hätte die Piaf anders gemacht) als Label-Chefin und präsentiert mit Yes Sir Boss ihr erstes Signing – bei dessen Debüt sie auch gleich als Gastsängerin mitmischt. So: Damit ist der Diskursrahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich die Musik (und auch diese Plattenkritik) bewegt. Yes Sir Boss ist ein Sextett aus England, das auf Desperation State mit ziemlich allen besseren Popspielarten, die man mit Bläsern so veranstalten kann, herumjongliert, als würden die sechs einen geheimen Ort kennen, wo alle Musik aller Zeiten immer allen zugäng… – "Moment", fragt da eine Gewitzte über die Schulter, "soll dein Sarkasmus etwa ausdrücken, eine solche Mischung vermeintlich disparater Stile hätte heute gar kein Überraschungspotenzial mehr!?" Na, vielleicht so etwas. Den Ska jedenfalls kann sich, wer das Cover anschaut, ohnehin denken, hinzu kommen Soul, Reggae, Funk, Indie-Pop, Dengel-Rock, TexMex, südosteuropäische Folklore, lustvoll hollywoodisierte balkanische Schwermut, zugleich infektiös auf Tanzbarkeit hochgejazzt. Alles dabei! Und alles von sehr okayen Songs zusammengehalten, die genau das tun, was sie sollen: Temperaturen und Geschwindigkeiten hoch- und runterschrauben und die Feier befeuern. So wird das ein oder andere hier doch zum Killer – Filler gibt es, sobald man tanzt, ja eh nicht mehr. Und Spaß macht diese Musik wirklich, von den ersten Klängen an. Desperation State zeigt nichts Weltbewegendes, keine Befriedigung der Lust am bisher Ungehörten oder der schier unfasbaren Ästhetik des Knapp-Vorbei, aber eine neue Band für alle mittelstädtischen soziokulturellen Zentren und den zweiten Nachmittag auf der Fusion - und at the end of the day, wenn der Morgen graut, bin ich doch auch manchertags froh, wenn nicht etwa etwas von Heterotic oder Field Rotation, die ich demnächst hier besprechen werde, in der Anlage liegt, sondern eine solche eben durchaus feine Platte einer sympathischen Band. Es ist einfach Rockmusik, denke ich dann, zucke mit der Schulter, zucke mit den Beinen und mache mir nicht mehr die Mühe, mich selbst eines Besseren zu belehren. "Yes Sir Boss - Desperation State" vollständig lesen Pissed Jeans - Honeys6. February 2013 / Kategorie: TonträgerJeans in Rock: Wenn’s nicht der Freewheelin’ Bob ist, ist’s der dicke Schwanz (Sticky Fingers, The Rolling Stones, 1971), der tight ass unter engen Denim, ist’s Cobains reingefetztes Loch überm Knie. Ich weiß nicht, was die Pissed Jeans so anhaben (oder wie wahrhaftige angepisste Jeans so aussehen), aber sie fügen der Reihe ein notwendig schlecht gelauntes Element hinzu. Auf Honeys, dem Nachfolgealbum des hochgelobten King of Jeans (2009) ballern sie gleich los mit Bathroom Laughter, erteilen dann einem auf creepy Art verzweifelten Chain Worker das Wort. Es klingt: Dissonant. Noisy dräuend. Schon nach dem Einstieg tritt in aller Deutlichkeit zu Tage, was Mr. Matt Korvette (voc) im Interview mit SPIN andeutete. Dass es nicht mehr um die im Punk und Hardcore üblichen Adoleszenz-Sorgen ginge, um teenage Pespektiven auf die Welt, dass das aber nicht bedeute, dass die Themen gemäßigt sein würden: Now it's all adult angst. Und wie, und wie. Vielleicht muss man wie Korvette einen Brotjob wie – ernsthaft! – Schadensregulierer haben, um unpeinlich Projektmanagern den Tod an den Hals zu wünschen. Die Musik ist BRACHIAL, dabei absolut striking, auf Augenhöhe mit den Soundvorbildern im California-Hardcore der frühen Achtziger. Aber wie sie deren Wut, die in den besten Fällen ja auch mit trockenem Humor ausgestattet ist, auf heutige Umstände übertragen, ohne sie (Falle Nummer eins) ironisch zu verbrämen, oder (Falle Nummer zwei) in der hermetischen gegenwärtigen Hardcore-Szene aufgehen zu lassen; wie sie ihren Anschluss finden an einen breiteren Pop-Diskurs, ohne musikalisch Zugeständnisse in Richtung Zugänglichkeit zu machen – das ist hier das eigentlich Bemerkenswerte. Nein, die Pissed Jeans sind trotz klarer Bezüge sicher nicht die im Schlusssong besungenen teenage adults / frozen in time, aber die Unsicherheit, WAS sie denn sind – oder war es einfach die produktive Frustration darüber, WIE sie sind (Male Gaze!), welche Gesellschaft sich entwickelt hat und gerade entwickelt – hat hier zu einem bitter zubeißenden, horrorlauten, schroffen Brocken von einem Album geführt. The Ruby Suns - Christopher1. February 2013 / Kategorie: TonträgerEin junger schöner androgyner Mann schaut sehnend ins Nichts – das kennt man doch, von Antony & The Johnsons' EP Hope There’s Someone (2005) oder, identisch beinahe, von A Book of Songs for Anne Marie (2010) von Baby Dee, und dass nun eben The Ruby Suns sich des Motivs annehmen, scheint naheliegend, bzw.: not. Statt schwerer, queerer Kunstliedmusik waren die doch bislang eher: allenfalls verquer, quitschebunt wie die Krabbelgruppe vom Kinderladen nebenan und ganz großartig darin, den 11-Uhr-morgens-Sonnenschein in psychedelischen Überkandidel-Pop zu verwandeln. Eine Sonntagmorgen-Version von Animal Collective gewissermaßen. Und auch mit Christopher – der sich von seinen Motiv-Geschwistern mit seiner Farbpracht dann doch gewaltig unterscheidet – dürfte eher getanzt denn kontempliert werden. Dass andere sowas besser hinkriegen, sollte klar sein. Dass dieses Album nicht das Beste der Neuseeländer ist, war ebenfalls bereits überall zu lesen. Aber schlecht, das ist es gewiss nicht. Christopher ist ein vergnügtes, discobeatiges und sehr straight hochproduziertes Euro-Trash-POP-Album geworden, dass da hinlugt und zulangt, wo man sich nur die Finger verbrennen kann, in den geschmackvolleren Touri-Dissen der Lonely-Planet-Paradiese dieser Welt. Selten geht das gut, manchmal scheint es gut zu gehen, fängt dann aber allzu rasch doch noch an, cheesy zu riechen – Gossamer von Passion Pit sei hier genannt, deren Sound kommt dem neuen der Ruby Suns schon ziemlich nahe. Christopher liegt da irgendwo in der Mitte. Kein Meilenstein, nichts von Bestand, aber wer aufhört, darüber enttäuscht zu sein, dass die Band um Ryan McPhun kein neues Sea Lion aufgenommen hat, der_die wird mit dem vierten Album der Ruby Suns eine ganze Weile Spaß haben. Meistens denke ich, man sollte mehr von Pop erwarten. Manchmal aber bin ich auch einfach froh, wenn 'er' das das ein oder andere Mal überhaupt noch hinkriegt. "The Ruby Suns - Christopher" vollständig lesen Christine Owman - Little Beast29. January 2013 / Kategorie: TonträgerZunächst: Eine kleine Einleitung für die Stammleser_innen. Wer diese Seite in den letzten Tagen näher verfolgt hat, wird sich mittlerweile vielleicht fragen: Was ist nur mit Steffen Greiner los? Dass er offensichtlich nur noch Platten bespricht, die deprimierend graue, braune, monoton farblose Cover haben, mag ja noch Zufall sein, aber die Inkonsistenz seiner Bewertungen ... Der spex-Perfomance-Avantgardist wird zerrissen, aber Tage später findet er dann auf einmal so Neocon-Lagerfeuer-Folk geil, ja, ist der denn so stockverklemmt oder bloß so queer, dass es ihm mittlerweile auch scheißegal ist? Leidet Steffen Greiner unter Stimmungsschwankungen, ist er gar viele? Oder ist das alles Strategie, um den Selbstbezogenheits-Grad seiner Plattenkritiken noch eine Umdrehung weiter zu fetzen, weil er doch eigentlich viel lieber von sich schreiben will? – und was interessiert das dich schon, Google-User_in, Glitterhouse-Pressemensch, Kleinkunst-Fan? Du willst doch schließlich bloß, völlig zuecht, eines wissen: Wann geht es hier endlich um Christine Owman, die, lt. Presseschreiben, "schwedische Indie-Königin"? Die aber viel eher die böse große Schwester von SoKo ist, das vergessene Kuckuckskind von Kate Bush und PJ Harvey. Die Led Zeppelin gut findet und mit Mark Lanegan singt, die singende Säge und Burlesque schon auf dem Cover ihres neuen Albums Little Beast harmonisch vereint. Die mit Messerwerfern auftritt und lebende Kanonenkugeln von der Bühne feuert, die also das, was bei Amanda Palmer irgendwann nervig wurde, einfach ins tausendfache potenziert und gleichzeitig alle Zeilenzwischenräume ignoriert, in denen so was stattfinden sollte. So ganz wird das Album die Muffigkeit des Kunsthandwerklichen auch nie los, die Klangtextur (Cello, Ukulele, Akkordeon, roughes Feedback, Atonalitäten und Stimme nie ohne Halleffekte) ist derart schräg, dass auch die Plattenkritikerin des nächsten SPD-Ortsverein-Blättchen schreiben würde, sie sei 'wundervoll schräg', denn Owmans Schrägheit läuft immer Gefahr, das zu sein: Eine Schräge für Menschen, die Tom Waits natürlich mögen, aber nicht verstehen (und mit der man dann eben bei Veranstaltungen auftreten muss an Orten und mit Titeln wie ... na, siehe unten). Dass dieser Eindruck mit der Zeit ein wenig verwischt, ist nicht nur, aber vor allem dem letzten Albumdrittel geschuldet, wo die dunkel groovende Eleganz tatsächlich zu schimmern anfängt, wo Little Beast ein großartiges Stück Musik ist. Zum Ende hin schließt sich Christine Owman in die lange nicht mehr besuchten Wunderkammern des Weird Folks ein, lässt die Kleinkunst Kleinkunst sein und aus diesem Jenseits noch einige gänsehautkalte Melodien herüberwehen: I’d Rather Die Than Just Play Dead. Solche Konsequenzen – die Schrägheit nicht bloß kokettierend und streberhaft rockistisch auszubreiten, sondern eine wirklich abseitige Musiksprache zu suchen – wünsche ich mir ausdrücklich für ein nächstes Album. "Christine Owman - Little Beast" vollständig lesen The Bony King of Nowhere - The Bony King of Nowhere27. January 2013 / Kategorie: TonträgerAber was hier innerhalb dieser klassischen Pose, so erschlafft sie auch sein mag und völlig unerwartet eigentlich, wieder möglich wird, ist bemerkenswert. Das selbstbetitelte The Bony King of Nowhere zeigt den Belgier als äußerst melodien- und stimmungssensiblen Musiker, der mit minimalem Mitteln – Fingerpicking und Stimme – Intensitäten, Farbtöne und Temperaturen in seine wunderschönen Folk-Lieder hineingießt, so voll, dass diese betörende, magische Melancholie, die bei der ersten Begegnung still innehalten lässt, auch dann noch nicht verbraucht ist, wenn der Regen über Mirwart zum ständigen Begleiter wird. Bleibt zu hoffen, dass, wenn gerade alle von Jake Bugg schwärmen, doch ein paar Blicke weiterwandern in die Ardennen, wo der knochige König der Hobos Hof hält, dem ich hiermit, dankbar, mein kleines Fässchen Myrrhe darreiche. "The Bony King of Nowhere - The Bony King of Nowhere" vollständig lesen Nils Bech - Look Inside23. January 2013 / Kategorie: TonträgerImmerhin und zunächst muss man es Nils Bech (und allen Marketingmenschen um Bech herum) lassen: Er hat es geschafft, diese Geschichte zu verkaufen. Und also darf auch dieser Text nicht ohne den Verweis auskommen, Bech sei ein 'Performance-Künstler'. Das ist die Bech-Story, und perfiderweise funktioniert sie im distinguierten Pop-Diskurs genauso super, wie eine Geschichte um Drogen, verbotenen Sex und Geheimkulte im Rock'n'Roll – das darf man dann nämlich hüben wie drüben erst einmal sehr gut finden. Oder zumindest bemerkenswert. Dass wir, wie 'wir' ja alle bei Butler, Goffman, sonstwem längst gelernt haben, allesamt Performance-Künstler_innen sind (und ohnehin: Na, was sonst soll denn einer sein, der vor Leuten singt, wenn er nicht gerade ungebrochen sein gebrochenes Heten-Herz auskotzt, wenn nicht ein Performance-Künstler?), geschenkt – soll er doch ein Performance-Künstler sein; ich habe in meiner langen, langen Zeit als WG-Mensch zum Beispiel allzu oft Erfahrung mit 'Hausprojekten' gemacht, wo das einzig Projekthafte darin bestand, die 'Kein Mensch ist illegal'-Tasche selbst mit dem Edding zu beschriften, und ich hatte da nie ein Problem mit. Wer Projekt sein will, darf das sein, wer Performance-Künstler_in sein will auch, bitteschön. Außerdem, nun, Bech tritt ja tatsächlich auf, und er performt dann, im Kontrast zu: Er singt halt seine Sachen. Bech tritt auf in Zusammenhängen einer Kunstszene, er bespielt die Biennale in Venedig und New Yorker Galerien, ist Teil einer norwegischen Kunst-Clique. Videoclips, die seine Musik bebildern, zeigen Balletttänzer_innen und Trans*Künstler_innen, Menschen, die bei den Aufnahmen zum neuen Album Look Inside gastierten, sind norwegische Gegenwartskomponisten oder Elektro-Produzenten. Ich mache es einmal kurz: Alles hier schreit derart laut nach Relevanz, nach Grenzgang, nach Überwindung aller Schranken zwischen allen Medien, zwischen E und U, Pop und Kunst, dass es sich, zumindest, wenn man als Plattenkritiker sich nun eben vorgenommen hat, aller Voreingenommenheit zum Trotz Worte zum Album zu verlieren, empfiehlt, einmal kurz die Augen zu schließen. Und dann vielleicht, endlich, einmal Musik zu hören. Look Inside ist Bechs zweites Album, es ist ein Konzeptalbum geworden, das die allbekannte Lebensphase zwischen den Verlieben auskomponiert – vom Verlieben (Tie Me Up) über die Schwierigkeiten der Beziehung (Breaking Patterns Part 1), den Break-Up (Breaking Patterns Part 2) und den Einsamkeits-Blues (A Sudden Sickness) bis hin zum erneuten Verlieben (I Say This Twice) in neun Songs. Dabei schließt es an die mittlerweile gebrauchsmusikalisch erprobte Kreuzung von neo-klassischer Kammermusik mit elektronischen Beats an – der Bech mit seiner spannenden Stimme, die in etwa klingt, als hätte Antony sein_ihr Engel-Werden verschoben und vom Wasser der Imperfektion getrunken, ein interessantes Element hinzufügt. Eines, das aber kaum in der Lage ist, allein zu tragen und die Schwächen des Albums – das Kunsthandwerkliche auf der einen Seite, die wenig abwechslungsreichen Songs und das nur selten überdurchschnittliche Songwriting auf der anderen – so wettzumachen. Bezeichnend, dass das Neu-Verlieben auch kaum euphorischer ausfällt als die Trennung – und, dass der beste Song hier ausgerechnet die Jahre der Beziehungsroutine illustriert. Für sich genommen jedoch, das sei fairerweise gesagt, funktionieren die einzelnen Songs durchaus; aus dem Fluss der emotionalen Nabelschau (die auch als Performance und gebrochen, so man diesen Modus denn hier, den introspektiven Titel widerwillig ignorierend, annehmen möchte, nicht das beste Erbe aus 70 Jahre Pop ist) herausgefischt und auf sich allein in die Dunkelheit gestellt, leuchten sie bisweilen gar schön trübe auf. Alles in allem ist das Kleinkunst, die, in den Kontext der Kunstwelt gestellt, nicht – mysterium fidei! – erhaben wird, sondern bloß Kleinkunst bleibt. Man wünscht der Musikszene den Entdeckungsdrang, die spannenderen Performer zu finden, der Kunstszene, sich endlich wieder mehr auf die Musikwelt einzulassen und Pawlow einen neuen Hund. Laurel Halo - Sunlight on the Faded16. January 2013 / Kategorie: TonträgerLetztens in der UdK Berlin die Freude gehabt, einem sogenannten und sogar ganz tatsächlichen "Pop-Kongress" beizuwohnen. Die Veranstaltung war super, Meinecke hat gesungen, die Grethers aufgelegt, Greiner auch was gesagt, und dann war da dieser Vortrag, Dubstep als Körpermusik, bei dem dann natürlich auch Musik gespielt wurde, naheliegenderweise: Dubstep. Nun ist die Anlage der Aula der UdK eine schon ganz nette. Entsprechend wummerte es gut in Brustkorb und Magenhöhle, ein fiese intensiver Sound, was uns, die Popkongressmenschen, aber nicht davon abhielt, schön konzentriert nach vorne ins Weiß zu schauen und dabei die Denkerhand keinen Zentimeter vom Denkerkinn wegzubewegen. Das war ganz amüsant, und mehr ist aus dieser kleinen Geschichte auch nicht rauszuholen, schon gar nicht so etwas von wegen: Pop und Wissenschaft, das passt einfach nicht; das passt nämlich sehr gut. Nicht sehr gut passt dieses Intro hingegen zur hier zu besprechenden Platte, die, wie ich gerade feststelle, gar nichts mit Dubstep zu tun hat, aber dafür einen Dub-Remix auf der B-Seite, wie es die Guten ja gerne haben, so sie nicht, wie die Peaking Lights letztens, einfach das ganze Album nochmal auf Dub gebürstet auflegen. Laurel Halo hat im letzten Jahr mit Quarantine auf sich aufmerksam gemacht, war aber dann doch zu puzzling für einen Hype, vielleicht auch, weil Grimes und Julia Holter ein bisschen eher da waren und vielleicht auch, weil im Bewusstsein der Pop-Welt zwar immer noch Platz für zehn junge Gitarrenmänner, aber höchstens ein Slot für experimentelle Elektro-plus-X-Frauen frei ist. Auch mit dieser 12" wird Laurel Halo keinen Durchbruch feiern, aber ihren Sound definiert sie damit wieder ein Stückchen weiter, nämlich: Gar nicht. Wobei Sunlight on the Faded nicht mehr daraufhin angelegt ist, im Soundnirvana schwimmen zu gehen, sondern verhältnismäßig strukturiert daherkommt, sehr rhythmusbetont, als trotz allem metallischen Ticken warmer Clubsound: Only the best memories stay / I just want those on loop forever, singt die Künstlerin in der Songmitte (denn das ist hier doch, anders als die zwischen den Formen wandernden Stücke des Albums, eindeutig ein Song) über recht ungerührten, minimalen Herzschlagbeat, und vor allem in der Dub-Version ist das auch tanzbar - Wenn man nicht auf einem "Pop-Kongress" sitzt, that is. Alben des Jahres - Steffen2. January 2013 / Kategorie: oder so
Die spex hat oft genug unrecht, wirklich widersprechen kann man Chefredakteur Groß aber nicht, wenn er im Editorial der aktuellen, der Jahresrückblick-Ausgabe, dem Jahr 2012 hinterherschickt, ein "seltsames Jahr mit wenigen Höhepunkten, weder kulturell noch anderswo" gewesen zu sein. Ein Jahr, möchte ich ergänzen, ohne Ikone, ohne einschneidendes, Generationen prägendes Ereignis, ein Jahr, bei dem selbst Fußball und Olympia, sonst verlässliche Joker der posthistorischen Notwendigkeit zum simulierten Geschehen, gnadenlos egal waren. 2012 war der Geschichte enthoben, ein Passagen-Jahr, ganz sicher. Wenn es irgendwo zu seinem Sinn finden konnte, dann allenfalls im 'Wütend schritt ich voran', wie es Goetz' Johann Holtrop via Buchrücken auf den Weg gegeben war. Wütend schritt ich voran, das trifft das Gefühl, die Ahnung: Wohin nun zu schreiten ist, wer weiß, wird dieses neue Jahr vielleicht schon zeigen.
Musikalisch: Dito. Sehr viel Gutes, kein Album jedoch, das einmal als Stellvertreter für Sound und Gefühl dieses Jahres stehen könnte, nichts, was die Wahrnehmung des Pop-Jahres dominiert hätte. Die Abwesenheit klanghegemonialer Strömungen, die früher Musik und Zeit und Wahrnehmung fest verschmolzen, ist nicht einmal mehr der Rede wert. Interessant, wie sich das alles gewandelt hat, in den letzten sieben, acht Jahren; wie wir uns darauf einlassen konnten. Das spricht nicht zuletzt auch für uns, als Konsument_innen wie als über Pop Sprechende. Narrationen verschwinden, Musik tritt in Erscheinung. Darunter passen noch die besten Songs des Jahres, jene jedenfalls, die nicht auf einer dieser Platten stecken. Geordnet: Grob chronologisch, als da wären: SoKo – People Always Look Better In the Sun; Die Sterne – Ich weigere mich aufzugeben; Black Seeds – Dust And Dirt; Die Türen – Pop ist tot; Julia Holter – Marienbad; Allo Darlin – My Sweet Friend; Ponyboy & Lovely Jeanny – Girl; Best Coast – How They Want Me to Be; Grimes – Genesis; Crocodiles – No Black Clouds For Dee Dee; Sweet Lights – You Won’t Be There; Van Dyke Parks – Love Is the Answer; Totally Enormous Extinct Dinosaurs – Stronger; Animal Collective – Today’s Supernatural; Passion Pit – Carried Away; Wild Nothing – Nocturne; Die Heiterkeit – Alles ist so neu und aufregend; Ariel Pink’ Haunted Graffiti – Kinski Assassin; Locas in Love – Wenn du wirklich wissen willst; Phantom Ghost – Smashing New York Times; The XX – Angels; Flowerpornoes – Land; Swans – Lunacy.
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