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Fallulah - The Black Cat Neighbourhood29. August 2010 / Kategorie: TonträgerFallulahs Inszenierung als skandinavischer Mittelwert aus Kate Nash und Joanna Newsom kommt ihrem Klangbild nicht zwangsläufig nahe, lotet dennoch die Horizonte ihres Debüts The Black Cat Neighbourhood treffend aus. Schwer greifbar bleibt das jederzeit, gekennzeichnet durch versponnene Eingängigkeit, das Schlagen von Haken. Da ist Bridges, das in einer dieser obskuren besseren Welten jeden Dancefloor stürmte, der unurbanste smarte Sprechgesang der Saison, da können Maschinen und Diamanten einpacken. Da sind aber auch dunkle Waldmelodien, hypnotische Marimba-Gebete, waits'sches Kabarett. Maria Apetri, die Frau hinter Fallulah, öffnet sich in alle Richtungen. Leider funktioniert nicht alles gleichermaßen gut, bleibt manches im Halbgaren, fordert konsequentes Überspringen. Gerade die dunklen, weirden Stilistiken wirken blass. Es mag ein überholtes Konzept sein, von Magie in der Musik zu reden, aber wer wie Fallulah so offen damit spielt, provoziert, dass eben ihre Abwesenheit doch bemerkt wird. Trotz der nicht abzusprechenden Qualität dieser Wundertüte bleibt es darum schwer, sich wirklich auf die Platte einzulassen. Dass das mit ein wenig mehr Fokus beim nächsten Auftritt der Dänin anders sein könnte – warum nicht. Kent - En Plats I Solen2. August 2010 / Kategorie: TonträgerIm letzten Winter erhielt Kent in meiner Kritik des Vorgängeralbums Röd nicht gerade die höchsten Weihen. Aber das war auch ein Winteralbum. Diesmal lädt das Cover, passend zum sommerlichen Veröffentlichungstermin, in pazifische Ferne. Nun, auch zum Alarmglockenläuten – als Großmeister der Ironie erscheinen die Schweden jedenfalls nicht, das ist schon ernst gemeint, Adam und Eva. Andererseits: Als 2002 die heute wohl vergessenen Last Days Of April mit Ascend to the Stars bildstrategisch in die traurigen Tropen entschebten, gaben sie so einem brillanten, zwischen Melancholie und Überschwang zerrissenen Emo-Indie-Rock-Album ein Gesicht – warum sollten das die Landsleute von Kent nicht auch schaffen? Weil Kent halt nicht mehr als solide sind? Natürlich. Auch En Plats I Solen ist, verglichen mit den übrigen Veröffentlichungen dieser Tage (Wavves, Arcade Fire, Menomena, ceo, Best Coast, wer soll das denn alles hören!?), eher die 08/15-Experience in New-Order-ish, die niemandem gefehlt hat. Manchmal ist das sogar derart arg 80s-Elektro-Schlager-mäßig, dass es schon unangenehm wird. Trotzdem: Im Zusammenspiel von Synthie-Rhythmen und den verstärkt eingesetzten Streichern, offenbart sich, dass Kent jederzeit das Fingerspitzengefühl haben, einen Song groß werden zu lassen. Manchmal sogar richtig groß. Was interessanterweise daran liegt, dass das Stadion nicht mehr zwangsläufig als natürlicher Lebensraum dieser Musik erscheint. Obwohl immernoch glatt und geschmeidig produziert, bewahrt die Musik genug melancholische Sommerglut; das klebt nicht, das umschmeichelt wie eine sanfte Brise. Nicht wirklich interessant, das, aber eine erfreuliche Überraschung. Chris Leo's Vague Angels - The Sunny Day...13. Juni 2010 / Kategorie: TonträgerDie Einleitung wird der Platte natürlich nicht gerecht, auch wenn Chris Leo schon qua Familienname grundverdächtig ist. Allerdings hat sich der Bruder des ungleich populäreren Ted von seinem Wurzeln im emo-informierten amerikanischen Früh-Indie ein gutes Stück weit entfernt. Nach Bandzwischenspielen u.a. mit Mitgliedern von Blonde Redhead und Jets To Brazil in den Neunzigern (The Van Pelt, The Lapse) experimentierte Leo auf ganz anderen Feldern, schrieb 2004 mit White Pigeons einen Roman über verlorene Liebe, Tourleben, Ausbruch und Musik, dessen entscheidendes Kapitel in Form eines Albums konzipiert und natürlich beigelegt war. Momentan schreibt er in Mexiko einen Roman about a wordless letter, wie das Label Expect Candy verlauten lässt – die Sprachsensibilität des Songwriters spürt man auf dem mittlerweile dritten Album der längst realen Vague Angels in jeder Zeile. Außenstehenden sei der Albumtitel The Sunny Day I Caught Tintarella di Luna for a Picnic at the Cemetary anempfohlen. Bei solch lyrisch-lakonischer Ausschweifung mag es erstaunen, dass das von der ersten Sekunde an mit kalt-heißem Griff an die Kehle geht – ein Griff, der bis zur letzten nicht gelockert wird. Die Songs leben von der Spannung zwischen Sturm & Drang, einer fast schon bedrohlichen Dringlichkeit der Musik und der melancholischen Distanz dylanesker Sprachkaskaden. Alles auf diesem Album ist Rhythmus, ist Melodie, ist Sprachfluss, ist Harmonie, ist Dissonanz, latinoamerikanische Einflüsse, Post-Core, Velvet Underground, Poesie. Ein tolles, unerwartet tolles Werk ist das geworden, eine schimmernde Perle aus den Tiefen halbdunkler Sommernächte. Vielleicht ist es den nach zehn Songs ob der Intensität atemlosen und immer noch überraschten Hörer_innen gewidmet, wenn Leo sein Album mit einem unterkühlt aufgesagten I know it / I knew it all along / I was just playing / I knew ausklingen lässt. Markscheider Kunst - Utopia23. Mai 2010 / Kategorie: TonträgerNeulich erreichte mich tatsächlich eine Platte, die ganz schön unpeinlich Ska war – und Calypso, Reggae und allerlei Tropicalia mehr. Buena Vista Russian Club, wortspielt das Label (und damit ist man auf diesen Seiten ja nahezu daheim, da bewegt man sich ja quasi in unseren Kern-Diskursen). Die dazugehörige Band heißt Markscheider Kunst, fünf Alben und fast zwei Jahrzehnte ist das Spektakel aus St. Petersburg an mir vorbeigegangen. Denn spektakulär ist das jederzeit: Zu den unglaublich sonnigen vibrations kommt ein gehöriger novelty-Faktor in Form russische Texte, deren eigenwilliger Sprachfluss einfach großartig klingt, wenn er auf Hawaii und Highlife trifft. Natürlich gibt es auch Osteuropa-Folklore, aber eben nie ohne die zähflüssige Leichtigkeit von 40 Grad im Schatten bei leichter Brise überm Meer. Utopia heißt das Album, und vielleicht ist das ja eine Ansage – ich bin von diesem tighten, sanft experimentellen, gutgelaunten Sound jedenfalls sehr überzeugt. Und übrigens auch, das sei an dieser Stelle mal angefügt, von der Arbeit des Labels Eastblok, das, wie schon im letzten Jahr etwa mit den großartigen La Minor, wieder einmal eine spannende osteuropäische Band fernab der branchenüblichen Traditions-Purismen gefunden hat und sich so langsam, fernab von Hipster-Pop-Relevanz natürlich, zu einem kleinen Qualitätssiegel gemausert hat. Cory Chisel - Death Won't Send A Letter16. Mai 2010 / Kategorie: TonträgerHaldern Pop 2010: Erste Bestätigungen28. März 2010 / Kategorie: Neuigkeiten Sehr lange war da sehr wenig zu sehen, auf der Haldern-Homepage. Nun endlich erbarmen sich die Macher_innen des süßesten konservativen Kuhwiesenindiefestivals der Welt und werfen neben einem ersten Strauß Bestätigungen auch gleich den Überbau in den Ring: Unser Festivalmotto 'Klima im Wandel der Zeit' verknüpft zeitgenössische Themen, intelligente und gefühlsbetonte Musik, das existenzielle Lebensgefühl und kommuniziert dies alles intensiv und viral. Diese klassische Kultur-Wort-Hülse: 'Klima im Wandel der Zeit' wedelt sozusagen den Hund und damit nicht exklusiv das Weltwetter. Nun, OK, das wird dann sicher noch theoretisch aufgefüttert und mit Leben gefüllt, wie es in den letzten Jahren ja doch auch immer der Fall war – hoffentlich. Die letzte Ausgabe blieb nämlich, und in der Wahrnehmung bin ich ja weißgott nicht allein, sowohl künstlerisch als auch atmosphärisch eher mau – gemessen am hohen Standard, den das letzte Vierteljahrhundert am Niederrhein so gesetzt hat, natürlich.Musikalisch zeigt sich die erste Runde, bei der scheinbar vor allem das Spiegelzelt gut aufgefüllt wird, bunt gemischt. Hauseigene Middle-of-the-Road-Favoriten wie Mumford & Sons und The National treffen auf Pitchfork-Acts wie Dan Deacon, Micachu & The Shapes und Local Natives, dazu sichere Indielieblinge wie Beirut (endlich mal!), Efterklang und Portugal. The Man. Regelmäßige Haldernbesucher_innen können aufatmen: Die James Blunt der geschmackvollen Indieboys, Lonely Dear, bleiben diesmal endlich wieder zu Hause. Dafür wird sogar die Hype-Ecke bedient: Mit den Madchester-Revival-Hipstern von Delphic. Und dann gibt es noch die Whale Watching Tour, das gemeinsame Sound-Performance-Projekt der Hinter-den-Kulissen-Männer Nico Muhly, Valgeir Sigurdsson, Ben Frost und Sam Amidon. Das lässt sich doch sehr gut an, und einiges steht ja auch noch aus… Die komplette Liste der Bestätigungen findet sich hier; das Festival findet statt vom 12.-14. August 2010. Collapse Under the Empire - Find A Place to Be Safe26. März 2010 / Kategorie: TonträgerThe Souljazz Orchestra - Rising Sun24. März 2010 / Kategorie: TonträgerDa wir ja keine Debatten mehr führen, sondern Kritik offensichtlich nur noch in Form des unmittelbaren Kommentars stattfindet, gewinnt die facebook-Pinnwand ja schon einige poptheoretische Relevanz, jedenfalls die der Spex. Ganz amüsant, wie sich da vor Wochen Robert Defcon erfreulich angeekelt zeigte über das Posting der anstehenden Deutschlandkonzerte Vashti Bunyans. Symptomatisch gelesen, steht auch Vashti Bunyan für eine gleichbleibende Tendenz der spex-Redaktion vorzugsweise Musik abzubilden, die schwanzlos genug ist, um in einem weißen Mittelschichts-Indie-Universum zu funktionieren. Es kotzt mich an, und ich habe als Autor der spex genug davon. Und ja: Zurecht. Und da muss man ihm auch mal zur Seite springen, auch, wenn die Reaktion einer Userin, gerade Vashti Bunyan als ältere Dame sei ja nun auch nicht der personifizierte Indie-Mainstream, auf den ersten Blick natürlich Charme hat. Wer mal bei Zeiten das ZDF-Mittagsmagazin anzuschalten ballsy genug ist und ebendort etwa der langsam erblindenden Maria Hellwig beim Vermissen der Berge zugehört hat, wird die These, Alter sei, medial gesehen, ein toter Winkel, achselzuckend abtun können. Welche Musik meint nun aber Defcon – Musik, um das zusammenzufassen, die ja bei ihm gar nicht funktionieren darf? Innerhalb des aktuellen Indie-Mainstreams funktioniert doch anscheinend alles zwischen Gonjasufi, Baby Dee und Autreche, zwischen hochkomplexer Elektronik, queerem Kabarett und Avant-Weltmusik; wir harren auf Neues. Nicht gemeint haben wird Robert Defcon so etwas wie das Souljazz Orchestra, das Afrikanisches und Karibisches mit Soul und, klaro, Jazz zu einer beschwingten Fusion mischt, die auch mal wie die frühen Mars Volta auf Vampire Weekend klingt – und manchmal eben wie gut abgehangener, groovy Extravagant-Jazz. Besonders grandios sind die Rhythmen, die schön in die Beine fahren, und die schneidenden Bläsersätze. Das gefällt mir gut, dürfte aber genau wegen der sonnigen Widerhaken seine Freund_innen in der weißen Mittelschicht finden, und zwar nicht nur bei den Indiefans. Tja. Bleibt noch die Frage zu stellen: Warum muss leftfieldige, progressive Musik denn ausgerechnet Schwanz haben? Hallo, Herr Defcon? Wollen wir mal unterstellen, dass er sich nicht automatisch auf nicht-weiße Musik bezieht und so auf keinen Fall die Kontinuität des Stereotyps des sexuell aggressiven männlichen Fremden von links fortschreiben will, geschweige denn, dass ihm außerhalb von Sexismen die Worte fehlen, um Musik zu beschreiben, die mutig Grenzen erweitert? Überhaupt, Robert Defcon: Was macht der eigentlich noch? Wollte sich der nicht schon vor hundert Jahren in die Luft sprengen!? Neulich war ich übrigens, das sei zu dem Thema noch gerade angemerkt, in der Freien und Hansestadt Hamburg, um mir die Ausstellung PopLife anzuschauen, möglicherweise auch etwas dazu zu schreiben; bin dann allerdings nach 10 Minuten Lungern am Eingang erschreckt wieder umgedreht, weil ich Atmosphäre, Publikum und die Keith-Haring-Souveniers so erschreckend unsympathisch fand. Ohne jetzt schreiben zu wollen, dass es scheiße ist, dass sich Familien und Alte für eingemachte Schafe interessieren, aber Pop kann man ja doch nicht mehr ganz so gut finden, wenn man sich das mal wirklich gegeben hat. Deshalb lieber zur Elbphilharmoniebaustelle gewandert, die tut wenigstens nicht so, und irgendwie ist es ja auch ganz beruhigend, dass das Bürgertum wieder großkotzig baut statt das Geld in wasweißich Bildung zu stecken; schließlich sterben dumme Menschen genauso wie kluge, die Elbphilharmonie aber bleibt bestehen bis in alle Ewigkeit. Die Elbphilharmonie und das Label Pop auf Warhol-Kitsch. Local Natives - Gorilla Manor11. März 2010 / Kategorie: TonträgerWas Pop ja auch ist: Da gibt’s ne großartige Idee, die einfach in der Luft liegt, sei es aus ästhetischer oder sozialer, politischer, kultureller Sicht, die vielleicht sogar notwendig ist, um das ganze in Gang zu halten. Drei, vier, fünf Bands oder Künstler_innen gibt es, die, zumeist unabhängig voneinander, oftmals aber lokal verknüpft und sich aufeinander beziehend, diese Idee ästhetisch umsetzen und dafür gehörig abgefeiert werden. "Und dann", fällt mir da ein Popkulturindustriechecker ins Wort, "die ganzen Trittbrettfahrer! Und dann Ausverkauf! Guck dir das doch mal an, heute, diese ganze Indie-Pest! Und das nenne die auch noch Indie! Früher…" ja, kannste aufhören zu nicken, darum geht’s ja gar nicht. Wir Hipster steigen doch eh schon viel früher aus. Und zwar genau an diesem Punkt. Songs über Piloten, die Großväter sind, die gestorben sind, bevor man sie kennenlernen konnte, Songtitel wie Sun Hands und Cubism Dreams – wir bewegen uns im Bereich Meta-Retro-Avant-Pop Brooklyner Schule zwischen Choral und Kraal. Diesmal von der Westküste, aus dem Orange County gar, natürlich sonnig, natürlich vertrackt. Die Local Natives debütieren mit Gorilla Manor – ebenso wie Yellow House, Grizzly Bears wegweisendes 2006er Album, benannt nach dem Haus, wo aufgenommen und gelebt wurde. Das ist OK. Das Album ist nicht großartig, aber auch nicht schlecht. Die Local Natives, könnte man sagen, verhalten sich zur Class of 09 wie die Vines zu den Strokes, wie Alela Diane zu Joanna Newsom, wie die Rifles zu Maximo Park, wie Tomte zu Tocotronic – alles Namen, denen man einen künstlerischen Wert nicht absprechen darf, keine Trittbrettfahrer; Namen, die man gerne abgefeiert hat – weil es toll ist, mehr von einer Musik zu hören, die ganz neu ist, mehr und immer mehr, weil man nie genug von etwas kriegen kann, wenn man erstmal angefixt ist – das ist dieser kurze Moment, dieser kurze Moment vor der Flut, bevor es zuviel wird, bevor man über sich selbst ein bisschen angeekelt ist, weil man es immer noch gut findet, obwohl jetzt jeden Monat zehn identische Bands zehn identische Platten auf den Markt werfen. Jede_r, der_die sich im letzten Jahr an Grizzly Bear und dem Animal Collective, an auflösenden Songstrukturen, exzentrischer Rhythmik, multiperspektivisch-polyphonem Pop nicht satt hat hören können, wird die Local Natives sofort ins Herz schließen, aber sollte dabei auch im Hinterkopf behalten, dass es vielleicht die letzte Band des Stils ist, die noch halbwegs solitär erscheint, bevor auch diese Ästhetik überrollt und von der nächsten Idee abgelöst wird. Und dann gnadeunsgott: Don’t let it be rock. Bitte nicht schon wieder! Christy & Emily - No Rest25. Februar 2010 / Kategorie: TonträgerGerade schau ich aus dem Fenster, das heißt: Ich sitze auf dem Sofa in dem bisschen Wintergarten, das die an das Haus drangeklatscht haben. Ich sehe: Das Trauma gegenüber, die Autobahn und die Autos, die ihre Schlieren ziehen. Das Weiße verschwindet so langsam von den Hügeln auf der anderen Seite. Auch die Wiese zwischen der Ausfahrt, der Auffahrt und den Fahrspuren war gestern noch weiß. Jetzt ist sie so grün. Morgen bestimmt braun. In zwei Wochen werden wir da was pflanzen, Blumen oder Kartoffeln oder Tomaten oder was sich so hält so dicht am Verkehr. Zwischen zwei Hügelspitzen drüben hängt Nebel. Er bewegt sich keinen Zentimeter. Seit Stunden, könnte ich sagen, aber ich weiß es nicht. Wo die Burschen wohnen, ist es noch weiß auch, wie unschuldige Inseln im Graubraun des Waldes, hah. Autos werden langsamer vor der Ausfahrt. Autos werden überholt. Die Busse, die das Verkehrbetriebgelände verlassen, haben immer Probleme, müssen neu einlenken und wieder zurücksetzen. Der Parkplatz vorm Trauma ist durchweicht und pfützig und schlierig. Alle Autos hier sind braun oder schwarz oder grau, eines ist rot und eines ist blau. Marburg Nordstadt, ach komm. Ich kann hier aus dem Fenster schauen und Christy & Emily hören, und das heißt: Christy & Emily sind gut, um aus dem Fenster zu schauen, wenn es regnet. Ich habe, das Gefühl, langsam zu erblinden, aber wahrscheinlich wird es einfach nur dunkler. Christy & Emily also. Die mich auf den ersten Blick enttäuscht haben mit ihrem dritten Album No Rest. Gueens Head, das Debüt aus dem Jahr 2007, spielte mit Vintage-Photographien; unbestimmtes Fernweh, gescannt aus alten Reiseführern. Eine Gesteinsformation in der Südsee, der Kopf der Königin, eine Schildkröte. Dabei entstand die Musik in urbanen Ruhezonen, in Brooklyner Schlafzimmern. New York und das imaginierte Woanders, das verbanden Emily Manzo, die klassisch ausgebildete Pianistin, und Christine Edwards, die autodidaktische Indierockerin zu sakralen Popsongs, die das Weirdfolkdilemma immer wieder zerlegen und dekonstruieren konnten und so musikalische Schönheit im Stile Joanna Newsoms und CocoRosies ohne das ungute Gefühl der queeren Überzuckerung boten. No Rest, diesmal aus dem Hause Klangbad, überrascht hingegen zunächst mit einer Hochglanzoptik, die so gar nicht zur verhuschten Militanz des Duos passen will. Musikalisch, das wäre dann der zweite Blick, sind Christy & Emily deutlich rauer geworden, newyorkiger vielleicht. Die Charakterisierung als Riot-Grrrl-Folk-Wiederkunft von John Cale und Lou Reed, die sich in manchem Text über die beiden findet, scheint auf dieser Platte bisweilen ins Schwarze zu treffen. The Velvet Underground, ja was denn sonst, im Opener Beast etwa. Düsterer sind Christy & Emily geworden, auch textlich. Der Folk kommt nicht mehr aus dem Wunderland herübergeweht, den singen jetzt Witwen im Schnee der Appalachen, aber dann doch wieder nicht, denn was Folk sein könnte, ist hier nur Simulation. Was im Dunklen lauert, was da ist, sich aber nicht fassen lässt, den bösen Traum besingen sie. Vielleicht manchmal etwas zu esoterisch, etwas zu verschwenderisch. Manchmal wünscht man sich vielleicht ein paar mehr Elemente greifbarer Melodie, manchmal hingegen mehr Abstraktion, eine reflektierende, kontextualisierende Ebene inner- oder außerhalb der Musik. Trotzdem schau ich seit Stunden aus dem Fenster, obwohl sich hier nichts verändert, obwohl es mittlerweile Nacht geworden ist. Da sind Widerhaken, die mich fangen, die Stimmung bilden, Blick lenken. No Rest. Innere Unruhe und Innenschau liegen hier dicht beieinander. Chicago Underground Duo - Boca Negra19. Februar 2010 / Kategorie: TonträgerEin Thema des Jazz war (zumindest seit den 1950er Jahren) auch immer der Sound der Großstadt. Das Fragmentarische, Polyrhythmische, Disharmonische, das zugleich doch ein großer Fluß ist; Hipster, Nutte, Hustler auf dem Cover von Miles Davis’ On The Corner. Selbst das letzte im Indie-Universum zu gewisser Prominenz gekommene Free-Jazz-Album, die Ende 2008 auf Domino erschienene Kollaboration von Four Tets Kieran Hebden und dem legendären Drummer Steve Reid, trägt dieses Thema im Titel: NYC. Einen ähnlich auf- und hineinsaugenden Melting Pot schafft das Chicago Underground Duo mit Boca Negra. Auch hier spielt das Gefühl einer Stadt die Hauptrolle, so scheint es, allerdings nicht das heterotope New York, dessen musikalische Metaphorisierung immer nur die Metapher von Metaphern bilden kann, sondern das wesentlich weniger semiotisch überladene Sao Paolo, wo das Album im Mai 2009 entstand. Nun ist das natürlich Quatsch. Dennoch liegt im Chaos, in der chaotischen Simplizität, die Boca Negra bisweilen ausstrahlt, in diesem Sound zwischen spontaneistischer Verwirrung und fast schon folkloristischer Vereinfachung, zwischen dissonantem Poly-Groove und Momenten leuchtender Schönheit, ein spielerisches, buntes Element, eine Athletik, die der Thrill-Jockey-Avantgarde sonst allzu oft doch einfach fehlt. Chad Taylor und Rob Mazurek, das Duo, das auch die Keimzelle des Chicago Underground Collective bildet, wollten das Vertraute auf unbekannte Weise darstellen. Geschaffen haben sie eine hochgradig spannende, elektrifizierende, inspirierende Klangwundertüte, die die Höranstrengung jederzeit lohnt. Talking To Turtles - Monologue16. Februar 2010 / Kategorie: TonträgerEs kommt immer etwas dazwischen. Wir stecken fest in einem Sumpf Aus Ablenkungen und Ausreden. (Locas In Love – Sachen, 2007) Keine Zeit, keine Musik, zuviel Musik, dann wieder sonstwas oder nicht schreiben können grad, Schaffenskrise, Krise der Plattenkritik, Ende der Plattenkritik, doch noch nicht. Talking To Turtles debütieren dieser Tage mit einer homerecorded Songwriter-Platte (erschienen über DevilDuck Records), über die man trotzdem gerne reden will, gerade, weil sie so introvertiert, süß und auf schläfrige Art aufregend klingt – wie, liebe Freunde des Abgedroschenen, das imaginierte Leben der digitalen Bohème, das man selber ja nie ganz so gut hinkriegt. Tunng, Devendra Banhart, die Eels kommen da in den Sinn, wenn die Masterminds Florian Sievers und Claudia Göhler ihre Berliner WG-Zimmer mit Chor aus dem Freundeskreis, Spieluhrenmelodien, tapsenden Glöckchen und melancholischen Akustikteppichen auslegen. Das Schöne ist, dass die Songs dabei überraschend charakterstark sind, und nicht zuletzt dass das alles wirklich so sympathisch ist; so unaufdringlich sympathisch, dass man jeden Ton sofort ins Herz schließt. Monologue schiebt den Kopf schüchtern und neugierig unter der Bettdecke hervor und guckt mit großen Augen in die untergehende Sonne überm Kanal. "Talking To Turtles - Monologue" vollständig lesen White Rabbits - It's Frightening31. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerRhythmus, führt die feministische Musiktheoretikerin Susan McClary aus, erscheint dem Weißen Popkulturmainstream als bedrohlich, weil er in seiner potentiellen Körperlichkeit, Sinnlichkeit hegemoniale Männlichkeit in Frage stellt - im Gegensatz zum klassischen Musikkonzept von Harmonie, Melodie und Kadenz, das mit dem Klimax-Prinzip patriarchal-sexistischen Weltbildern musikalische Entsprechung liefert. Dichotom entwickelte sich so seit dem Beginn der Neuzeit das Stereotyp der männlichen Weißen Musik und das der femininisierten Schwarzen Musik – und besteht bis heute fort. 2007 beklagte Sasha Frere-Jones in seinem vielbeachteten A Paler Shade Of White das vollständige Verschwinden der (Schwarz konnotierten) Rhythmik aus dem Indie-Rock zugunsten regressiver Harmonien, ausgeführt am Beispiel Arcade Fire und Grizzly Bear. Heute muss diese These wiederum in Frage gestellt werden, erlebt der Rhythmus doch gerade ein Comeback sondergleichen, das einerseits durch die Ethnisierung (im Moment vor allem: Afrikanisierung) der Popmusik, andererseits durch die Wiederentdeckung (oder besser: Wiederbeachtung) rhythmischer Strukturen in traditionellen Indie-Ästhetiken vorangetrieben wird. Eine Band wie die White Rabbits könnte diese Annahme bestätigen. Rhythmus ist das prägende Element des Zweitwerks der Brooklyner, ein Rhythmus aber, der ohne Exotismus auskommt, der eher im Urbanen andockt. Percussion Gun heißt der Opener, und: Faust aufs Auge. Druck ist gar kein Ausdruck für das, was die beiden Drummer hier erzeugen, selbst das prominent gesetzte Klavier liefert eher rhythmische Klangfragmente als geschlossene Melodien. So faszinierend dieses Klangbild (der Tontechniker Nicholas Vernhes arbeitete zuvor mit Deerhunter, Animal Collective, den Dirty Projectors) sich allerdings auch darstellt: Zwischen den durch die Songs delirierenden Melodiefetzen von Piano und Gitarre, den wunderschönen Harmonien und dem manischen Klatschen der Rhythmik bleiben immer wieder Löcher bestehen, die durchaus dazu verleiten könnten, die Aufmerksamkeit etwas ganz anderem zu schenken als den dunklen Sehnsüchten der White Rabbits, die mir außerdem, davon ganz abgesehen, manchmal arg ins Colplayeske zu schielen scheinen. Apse - Climb Up6. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerIm Titel schon manifestiert sich die Richtung des neuen Releases der (weißen & männlichen, mal wieder) Band Apse aus Connecticut. In den letzten Stücken hebt sich Climb Up zu so etwas wie einer Idee von purer, fließender Schönheit, das Finale ist Euphorie gewordener Post-Rock im Songgewand. Dabei liegen die Wurzeln der Gruppe eher in nachtschwarzen Atmosphären von Drone-Metal und Industrial-Ambient; Ästhetiken, die auch auf dem Nachfolge-Album des 2006 hochgelobten Spirit immer wieder durchbrechen. Es sind nicht ihre stärksten Momente, genausowenig wie die im Kontext beinahe poppigen, die Mogwai bis Broken Social Scene ins Gedächtnis rufen. Ihre stärksten Momente flackern immer dann auf, wenn Apse sich ganz der schwarzen Hypnose hingeben, eine postmoderne Psychedelik entfalten, die nichts vom Wälzen in Grasblättern hat, sehr viel aber vom unguten Zischen, das sich etwa dort findet, wo Pink Floyd 1972 ihr Careful With That Axe, Eugene nachts im toten Theater von Pompeji spielten, umgeben von Mosaikfratzen und Marmorschemen. In diesem verführerischen wie bedrohlichen Fließen ist Climb Up ein bemerkenswertes Stück Musik. Tunng: Neues Album "And Then We Saw Land" im März6. Januar 2010 / Kategorie: Neuigkeiten Yippiejayeah, endlich mal wieder ein echoes-Beitrag, der nicht verbiestert klingt wie ein Adorno-Seminar in hell – und der Anlass erst! Eines der schönsten kleinen Alben des tollen Sommers Null-Sieben kriegt also endlich einen Nachfolger - die Folktronica-Magier_innen von Tunng haben sich wieder heimlich des nachts in den Bohème-Kindergarten (oder wo auch immer dieser Sound entstehen mag) eingeschlichen, um mit And Then We Saw Land ein Album einzuspielen, dass zumindest in der Covergestaltung eher an die Frühzeiten anknüpft als an das knallbunte Weirdo-Pop-Wunderwerk Good Arrows. Zu solcher Musik geht wohl die Sonne auf, ist mir damals glatt entfahren bei der ersten Begegnung auf dem Haldern, und das würde ich auch nach wie vor unterschreiben. Ach, mittlerweile weiß ich das ja auch. Erscheinen wird And Then We Saw Land am 1.März 2010 über Full Time Hobby.
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